Von Stefan Kohlweg

Was ist CGRP – und welche Rolle spielt es bei Clusterkopfschmerz?

Grundlagen & Diagnose · 6 min Lesezeit
CGRP einfach erklärt – das Molekül hinter einem der wichtigsten Therapieansätze

Dieser Beitrag erklärt, was CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) genau ist, wo es im Körper freigesetzt wird, was es dort bewirkt – und warum es zu einem der meistuntersuchten Moleküle der Clusterkopfschmerz- und Migräneforschung geworden ist.

CGRP steht für Calcitonin Gene-Related Peptide, zu Deutsch etwa „Calcitonin-Gen-verwandtes Peptid". Es handelt sich um ein körpereigenes Neuropeptid aus rund 37 Aminosäuren, das vor allem in sensorischen Nervenfasern gebildet wird. Wer sich mit Clusterkopfschmerz oder Migräne beschäftigt, stößt auf diesen Begriff fast zwangsläufig – CGRP gilt heute als eines der am besten untersuchten Moleküle in der gesamten Kopfschmerzforschung. Dieser Beitrag ordnet die Grundlagen ein: was CGRP ist, wo es freigesetzt wird, was es im Körper bewirkt und warum ausgerechnet dieses Peptid zum Ausgangspunkt neuer Therapien wurde.

Was CGRP genau ist

CGRP zählt zur Gruppe der Neuropeptide – kleiner, aus Aminosäureketten aufgebauter Botenstoffe, mit denen Nervenzellen untereinander und mit anderem Gewebe kommunizieren. Entdeckt wurde CGRP 1983 von einer Forschungsgruppe um Michael Rosenfeld, die einen bemerkenswerten Mechanismus beschrieb: Ein und dasselbe Gen, das sogenannte Calcitonin-Gen, wird je nach Gewebe unterschiedlich abgelesen. In der Schilddrüse entsteht daraus das Hormon Calcitonin, das den Kalziumhaushalt reguliert. In Nervenzellen dagegen sorgt eine andere Verarbeitung derselben Erbinformation dafür, dass stattdessen CGRP gebildet wird – ein Peptid mit einer völlig anderen Funktion als sein namensgebender Verwandter. Diese sogenannte gewebespezifische RNA-Verarbeitung erklärt, warum der Name „Calcitonin-Gen-verwandtes Peptid" zwar sperrig, aber fachlich präzise ist.

Merkhilfe: Calcitonin und CGRP sind nicht dasselbe

Calcitonin ist ein Hormon aus der Schilddrüse und an der Regulierung des Kalziumspiegels im Blut beteiligt.

CGRP entsteht aus demselben Gen, aber in Nervenzellen – und hat mit dem Kalziumhaushalt nichts zu tun. Es wirkt stattdessen auf Blutgefäße und Schmerzbahnen.

Wo CGRP freigesetzt wird

Im Zusammenhang mit Kopfschmerzerkrankungen ist vor allem ein Ort entscheidend: die sensorischen Nervenendigungen des Trigeminusnervs, des fünften und größten Hirnnervs. Sein erster Ast, der Nervus ophthalmicus, versorgt Stirn, Auge und die vordere Kopfhaut – also genau jene Region, in der Clusterkopfschmerz-Attacken typischerweise auftreten. Die feinen Nervenfasern des Trigeminus liegen entlang der Blutgefäße von Hirnhaut und Kopf; man spricht deshalb vom trigeminovaskulären System. Wird dieses System aktiviert, schütten die Nervenendigungen CGRP unmittelbar in die Umgebung der Blutgefäße aus. Wie diese Aktivierung im Detail mit dem übrigen Nervensystem zusammenhängt, insbesondere mit dem Hirnstamm und dem Hypothalamus, ordnet der Beitrag Was passiert im Gehirn bei einer Clusterattacke? ausführlicher ein.

Auf einen Blick: Von der Nervenendigung zum Botenstoff
  • 1. Ort: sensorische Endigungen des Trigeminusnervs (Nervus ophthalmicus), entlang der Blutgefäße von Kopf und Hirnhäuten
  • 2. Auslöser: Aktivierung des trigeminovaskulären Systems
  • 3. Freisetzung: CGRP wird direkt in die Gefäßumgebung ausgeschüttet
  • 4. Wirkort: Blutgefäße und weiterleitende Nervenbahnen zum Hirnstamm

CGRP kommt zwar auch andernorts im Körper vor, etwa im Herz-Kreislauf-System, wo es eine schützende, gefäßregulierende Funktion hat. Für Clusterkopfschmerz und Migräne ist jedoch vor allem seine Rolle als Botenstoff im trigeminovaskulären System relevant.

Was CGRP im Körper bewirkt

CGRP gehört zu den stärksten bekannten Gefäßerweiterern (Vasodilatatoren) im menschlichen Körper. Wird es aus den Trigeminusfasern freigesetzt, weiten sich die umliegenden Blutgefäße der Hirnhaut spürbar – ein Effekt, der lange als möglicher alleiniger Auslöser von Kopfschmerzattacken galt. Heute ist klar: Die Gefäßerweiterung ist Teil eines größeren Zusammenspiels, nicht die alleinige Ursache. Mindestens ebenso wichtig ist die zweite Funktion von CGRP: Es fungiert als zentraler Botenstoff, der das Schmerzsignal vom Trigeminus über den Hirnstamm weiter ins Gehirn trägt und dort die Schmerzverarbeitung beeinflusst. CGRP ist damit nicht nur ein Nebeneffekt der Attacke, sondern Teil der Signalkette, die den Schmerz überhaupt erst weiterleitet.

Bereits eine einzelne intravenöse Gabe von CGRP kann bei Menschen mit entsprechender Veranlagung eine Kopfschmerzattacke auslösen – ein experimenteller Befund, der die zentrale Rolle des Peptids in der Pathophysiologie zusätzlich unterstreicht und in mehreren unabhängigen Studien reproduziert wurde.

Warum CGRP bei Attacken ansteigt – und zum Therapieziel wurde

Eine 1994 im Fachjournal Brain veröffentlichte Studie von Goadsby und Edvinsson lieferte einen der wichtigsten Belege für die Rolle von CGRP beim Clusterkopfschmerz: Bei Betroffenen mit episodischem Clusterkopfschmerz wurde während einer akuten, spontanen Attacke Blut aus der Halsvene auf der Schmerzseite entnommen. Der CGRP-Spiegel lag dabei bei rund 110 pmol/l – gegenüber einem Normalwert von unter 40 pmol/l. Nach erfolgreicher Behandlung der Attacke mit Sauerstoff oder Sumatriptan normalisierte sich der Wert wieder. Diese enge Kopplung zwischen aktiver Attacke und CGRP-Spiegel wurde seither in weiteren Übersichtsarbeiten bestätigt: Der Anstieg von CGRP im Blut gilt heute als verlässliches Zeichen dafür, dass das trigeminovaskuläre System gerade aktiv ist.

Warum das für die Therapieentwicklung entscheidend war

Ein Botenstoff, der bei Attacken zuverlässig ansteigt und bei erfolgreicher Behandlung wieder abfällt, ist aus pharmakologischer Sicht ein attraktives Ziel: Wenn man verhindert, dass CGRP wirkt, sollte sich das auch auf die Attacke auswirken. Genau diese Überlegung führte zur Entwicklung monoklonaler Antikörper, die entweder das CGRP-Molekül selbst oder seinen Rezeptor blockieren.

Diese Antikörper wurden ursprünglich für die Migräneprophylaxe entwickelt. Mit Galcanezumab besitzt inzwischen einer von ihnen in den USA eine eigene Zulassung speziell für den episodischen Clusterkopfschmerz. Welche Antikörper es gibt, wie gut sie bei Clusterkopfschmerz tatsächlich wirken und wie die Zulassungs- und Erstattungslage in Österreich aussieht, ordnet der Beitrag [CGRP-Antikörpertherapien: Aktueller Stand 2025/2026](/blog/cgrp-antikorpertherapien-aktueller-stand-2025-2026) im Detail ein.

Wichtig für das Verständnis der Forschungslage: Dass CGRP an der Attacke beteiligt ist, gilt als gut belegt. Warum genau eine Clusterperiode beginnt, warum sie sich in einem bestimmten zeitlichen Muster wiederholt und welche Rolle andere Botenstoffe zusätzlich spielen, ist dagegen weiterhin Gegenstand aktiver Forschung. CGRP ist ein zentraler, aber nicht der einzige Baustein im komplexen Zusammenspiel von Trigeminusnerv, Hirnstamm und Hypothalamus.

Praktisch für Sie: wo Sie weiterlesen können

Wenn Sie verstehen möchten, wie CGRP mit dem Hirnstamm-Reflex und der Rolle des Hypothalamus zusammenhängt, ist der Beitrag Was passiert im Gehirn bei einer Clusterattacke? der richtige Anschluss.

Wenn Sie sich für die konkreten CGRP-Antikörpertherapien, ihre Wirksamkeit und die Erstattungssituation in Österreich interessieren, finden Sie diese Einordnung im Beitrag CGRP-Antikörpertherapien: Aktueller Stand 2025/2026.

CGRP ist damit ein gutes Beispiel dafür, wie Grundlagenforschung und Therapieentwicklung ineinandergreifen: Eine molekularbiologische Entdeckung aus den frühen 1980er-Jahren wurde über Jahrzehnte hinweg zu einem der konkretesten Angriffspunkte moderner Kopfschmerzmedizin.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Einordnung individueller Symptome und Therapieentscheidungen gehören in die Hände von Neurologinnen und Neurologen. Bei akuten oder sich verändernden Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder den Notruf 144.

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Quellen

  1. Rashid A, Manghi A: Calcitonin Gene-Related Peptide Receptor. In: StatPearls [Internet]. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing, zuletzt aktualisiert 2023-07-10. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK560648/ (Zugriff: 2026-07-20). – Beschreibt CGRP als 37-Aminosäuren-Neuropeptid und potenten Vasodilatator, freigesetzt aus trigeminalen Nervenendigungen.

  2. Rosenfeld MG, Mermod JJ, Amara SG, Swanson LW, Sawchenko PE, Rivier J, Vale WW, Evans RM: Production of a novel neuropeptide encoded by the calcitonin gene via tissue-specific RNA processing. Nature, 1983-07-14;304(5922):129–135. DOI: 10.1038/304129a0. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/6346105/ (Zugriff: 2026-07-20). – Originalarbeit zur Entdeckung von CGRP als gewebespezifisches Spleißprodukt des Calcitonin-Gens in Nervenzellen.

  3. Goadsby PJ, Edvinsson L: Human in vivo evidence for trigeminovascular activation in cluster headache. Neuropeptide changes and effects of acute attack therapies. Brain, 1994-06;117(3):427–434. DOI: 10.1093/brain/117.3.427. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/7518321/ (Zugriff: 2026-07-20). – Erstnachweis erhöhter CGRP-Spiegel (ca. 110 vs. unter 40 pmol/l) im Blut während akuter Clusterkopfschmerz-Attacken, mit Normalisierung nach Sauerstoff- oder Sumatriptan-Behandlung.

  4. Leone M, Ferraro S, Proietti Cecchini A: The neurobiology of cluster headache. Handbook of Clinical Neurology, 2021;182:401–414. DOI: 10.1016/B978-0-12-819973-2.00027-6. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34266608/ (Zugriff: 2026-07-20). – Bestätigt erhöhte CGRP-Plasmaspiegel als Zeichen trigeminaler Aktivierung bei Clusterkopfschmerz-Attacken und ordnet die Wirksamkeit CGRP-gerichteter Antikörper als Beleg für die zentrale Rolle von CGRP in der Pathophysiologie ein.

Über den Autor
Obmann & Gründer · Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich

Stefan Kohlweg lebt selbst seit seinem 18. Lebensjahr mit Clusterkopfschmerz und hat den ersten österreichischen Verein für Betroffene und Angehörige gegründet. Er vertritt die österreichische Patienten-Community auf europäischen Kopfschmerz-Kongressen.

Die Beiträge des Redaktionsteams entstehen mit KI-Unterstützung und werden vor der Veröffentlichung redaktionell geprüft und verantwortet.

Redaktion & Transparenz

Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich erstellt, einer Patientenorganisation von Betroffenen für Betroffene. Veröffentlicht am 20. Juli 2026. Quellenangaben finden Sie am Ende des Beitrags.

Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt. Anlaufstellen finden Sie in unserem Ärzteregister. In akuten Krisen: Notruf 144, Telefonseelsorge 142.

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