Von Stefan Kohlweg

Lithium bei chronischem Clusterkopfschmerz: Zweitlinien-Prophylaxe und Sicherheits-Monitoring

Prophylaxe & Sicherheit · 7 min Lesezeit
Lithium ist keine Erstlinie – aber eine belegte Option, wenn Verapamil nicht reicht.

Lithium ist ein Wirkstoff, der ursprünglich aus der Psychiatrie stammt und seit Jahrzehnten auch als vorbeugende Prophylaxe bei chronischem Clusterkopfschmerz eingesetzt wird – als Zweitlinie, wenn Verapamil nicht ausreichend wirkt oder nicht vertragen wird. Dieser Beitrag ordnet die Studienlage ein, erklärt, warum die Verlaufsform über die Eignung mitentscheidet, und zeigt, welches Sicherheits-Monitoring die Behandlung zwingend begleitet – ohne Dosierungs- oder Blutspiegel-Zielwerte zu nennen, die ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt festlegt.

Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei akuten Beschwerden kontaktieren Sie bitte Ihre Ärztin oder den Notruf 144.

Wer mit chronischem Clusterkopfschmerz lebt, kennt die Erfahrung, dass eine Prophylaxe nicht immer auf Anhieb passt. Verapamil gilt als Mittel der ersten Wahl, wirkt aber nicht bei allen ausreichend – und manche Betroffene vertragen den Kalziumantagonisten aus kardiologischen Gründen nicht. Genau an diesem Punkt kommt Lithium ins Spiel: ein psychiatrisch etablierter Wirkstoff, der seit den 1970er-Jahren auch in der Kopfschmerzmedizin als Zweitlinien-Prophylaxe untersucht wird. Ein Überblick zu den grundsätzlichen Behandlungsoptionen bei Clusterkopfschmerz findet sich im Beitrag Clusterkopfschmerzen – Therapiemöglichkeiten im Überblick.

Auf einen Blick

Lithium ist bei chronischem Clusterkopfschmerz vergleichsweise gut untersucht – bei episodischem Verlauf konnte eine placebokontrollierte Studie keine statistisch gesicherte Überlegenheit zeigen. Diese Unterscheidung ist der Grund, warum Lithium in der Praxis vor allem bei chronischem Verlauf zum Einsatz kommt.

Wirkung und Studienlage: Was für chronischen, was gegen episodischen Verlauf spricht

Die erste systematische Beschreibung stammt aus dem Jahr 1977: Der Neurologe Lonnie Kudrow berichtete in der Fachzeitschrift Headache über den Einsatz von Lithium speziell bei chronischem Clusterkopfschmerz und legte damit den Grundstein für den bis heute gültigen Befund, dass der Wirkstoff vor allem bei diesem Verlaufstyp Wirkung zeigt.1 Was episodischen von chronischem Clusterkopfschmerz unterscheidet und warum diese Unterscheidung für die Therapiewahl zentral ist, erklärt der Beitrag Episodischer vs. chronischer Clusterkopfschmerz.

1990 verglich eine italienische Forschungsgruppe um Gennaro Bussone Lithium direkt mit Verapamil bei Patientinnen und Patienten mit chronischem Clusterkopfschmerz – in einer doppelblinden Crossover-Studie, also mit Behandlungswechsel unter kontrollierten Bedingungen. Beide Wirkstoffe zeigten sich wirksam. Verapamil hatte jedoch die Nase vorn: Es wirkte schneller und verursachte weniger Nebenwirkungen als Lithium.2 Dieses Ergebnis ist einer der Hauptgründe, warum Verapamil heute als Erstlinie gilt und Lithium als Option für den zweiten Schritt reserviert bleibt.

Für den episodischen Clusterkopfschmerz – also Schübe mit klar abgrenzbaren, meist mehrwöchigen aktiven Phasen und dazwischenliegenden beschwerdefreien Remissionen – ist die Evidenzlage deutlich schwächer. Eine placebokontrollierte Doppelblindstudie von Steiner und Kolleginnen und Kollegen aus dem Jahr 1997 wurde vorzeitig beendet, weil sich keine statistisch gesicherte Überlegenheit von Lithium gegenüber Placebo zeigte: 62 % der mit Lithium behandelten Patientinnen und Patienten besserten sich deutlich, gegenüber 43 % unter Placebo – ein Unterschied, der das Signifikanzniveau verfehlte.3 Genau diese Studie erklärt, warum Lithium in der klinischen Praxis in erster Linie bei chronischem, seltener bei episodischem Verlauf eingesetzt wird.

Einordnung: Zweitlinie heißt nicht zweitrangig

Dass Lithium als Zweitlinie geführt wird, sagt nichts über seine grundsätzliche Wirksamkeit aus – es beschreibt lediglich die Reihenfolge, in der Optionen ärztlich geprüft werden. Verapamil wird zuerst versucht, weil es schneller wirkt und im Vergleich besser verträglich ist. Reicht das nicht aus oder ist Verapamil aus kardiologischen Gründen nicht geeignet, ist Lithium eine reale, belegte nächste Option.

Wann Lithium als Option infrage kommt

In der neurologischen Praxis wird Lithium typischerweise dann erwogen, wenn Verapamil die Schubhäufigkeit nicht ausreichend senkt oder wenn kardiologische Gründe – etwa Herzrhythmusstörungen, die im Rahmen der für Verapamil nötigen EKG-Kontrollen auffallen – gegen eine Verapamil-Therapie sprechen. Auch bei Clusterkopfschmerz-Betroffenen, die trotz mehrerer Anläufe keine ausreichende Schubkontrolle erreichen, kommt Lithium als eine von mehreren Optionen im weiteren Therapiepfad zur Sprache – zu dem, abhängig vom Einzelfall, auch neuere Ansätze wie CGRP-Antikörper oder Neurostimulationsverfahren gehören können. Dieses Spektrum an präventiven Optionen bei Clusterkopfschmerz – Lithium eingeschlossen – ordnet auch der Beitrag Vortrag von Dr. McGeeney auf der Clusterbusters Conference 2024 ein.

Die Entscheidung, ob und wann Lithium als Prophylaxe sinnvoll ist, trifft ausschließlich die behandelnde Neurologin oder der behandelnde Neurologe – individuell, nach Abwägung von Verlaufsform, bisherigem Therapieansprechen und Begleiterkrankungen.

Wichtig: Sicherheits-Monitoring ist keine Option, sondern Voraussetzung

Lithium hat eine schmale therapeutische Breite – der Abstand zwischen wirksamer und schädlicher Konzentration im Blut ist gering. Deshalb ist eine Lithium-Therapie ausschließlich unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle von Blutspiegel, Nieren- und Schilddrüsenfunktion vertretbar. Diese Kontrollen sind kein Zusatzangebot, sondern integraler Bestandteil der Behandlung.

Sicherheits-Monitoring: Warum es keine Option ist

Der Vergleich mit Verapamil in der Studie von Bussone und Kolleginnen und Kollegen zeigte deutlich, dass Lithium im Nebenwirkungsprofil ungünstiger abschneidet.2 Ein zentraler Grund dafür ist die schmale therapeutische Breite: Bei Lithium liegt die wirksame Konzentration im Blut vergleichsweise nah an jener, die toxische Effekte auslösen kann. Aus diesem Grund braucht eine Lithium-Therapie – anders als viele andere Medikamente – von Beginn an ein strukturiertes Kontrollprogramm, das die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt festlegt und begleitet:

  • Blutspiegel-Kontrollen: In regelmäßigen Abständen wird die Lithium-Konzentration im Blut gemessen, insbesondere zu Beginn der Therapie und nach jeder Dosisanpassung.
  • Nierenfunktion: Lithium wird über die Nieren ausgeschieden. Eine eingeschränkte Nierenfunktion beeinflusst die Konzentration im Blut unmittelbar, weshalb die Nierenwerte regelmäßig kontrolliert werden.
  • Schilddrüsenfunktion: Lithium kann die Schilddrüsenfunktion beeinflussen. Auch dieser Wert gehört zu den Kontrollen, die vor und während der Behandlung erhoben werden.
  • Wechselwirkungen: Bestimmte Medikamente – etwa entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR) oder Diuretika (entwässernde Medikamente) – können den Lithium-Spiegel im Blut verändern. Wer zusätzliche Medikamente einnimmt oder neu verschrieben bekommt, sollte das mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen – auch bei rezeptfreien Präparaten.

Eigenmächtiges Dosieren von Lithium ist gefährlich. Sowohl eine zu niedrige als auch eine zu hohe Konzentration im Blut kann Folgen haben – von unzureichender Wirkung bis zu ernsthaften Nebenwirkungen. Dosis, Kontrollintervalle und jede Anpassung werden ausschließlich von der behandelnden Neurologin oder dem behandelnden Neurologen festgelegt, nie in Eigenregie.

Vorbereitung für den Arzttermin
  • Führen Sie ein Schmerztagebuch mit Datum, Dauer und Intensität der Attacken – das erleichtert die Einschätzung, ob eine Prophylaxe-Umstellung sinnvoll ist.
  • Fragen Sie aktiv, warum Verapamil in Ihrem Fall nicht ausreicht oder nicht geeignet ist, bevor über Lithium gesprochen wird.
  • Klären Sie, wer das Monitoring übernimmt – Neurologie oder Hausarztpraxis – und in welchen Abständen Kontrollen geplant sind.
  • Nennen Sie alle weiteren Medikamente, auch rezeptfreie Schmerzmittel, damit mögliche Wechselwirkungen berücksichtigt werden.
  • Sprechen Sie an, wenn Sie unter Zittern, ungewohntem Durst, Müdigkeit oder anderen ungewohnten Symptomen leiden.

Einordnung: Was Lithium realistisch leisten kann

Wie jede Prophylaxe bei Clusterkopfschmerz kann Lithium Schübe seltener oder milder machen – eine Garantie auf Beschwerdefreiheit ist das nicht, und ein Ansprechen lässt sich vorab nicht sicher vorhersagen. Manche Betroffene profitieren deutlich, andere sprechen kaum an oder vertragen den Wirkstoff nicht. Bleibt auch Lithium ohne ausreichende Wirkung, stehen weitere Optionen zur Verfügung, über die die behandelnde Neurologin oder der behandelnde Neurologe im Einzelfall aufklärt.

Wer sich mit der Frage trägt, ob Lithium der richtige nächste Schritt sein könnte, sollte das ausschließlich im Gespräch mit einer Neurologin oder einem Neurologen klären – Eigenversuche mit einem Wirkstoff dieser therapeutischen Breite sind kein Ersatz für ärztliche Begleitung.


Sie stehen vor der Frage, wie es nach Verapamil therapeutisch weitergehen könnte, oder möchten sich mit anderen Betroffenen zu Erfahrungen austauschen? Bei unseren Treffen sprechen Betroffene und Angehörige regelmäßig über Therapiewege und den Umgang mit Prophylaxe-Entscheidungen – Termine und Anmeldung hier.


Quellen

  1. Kudrow L: Lithium prophylaxis for chronic cluster headache. Headache, 1977;17(1):15–18. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/845021/ (Zugriff: 2026-08-10).

  2. Bussone G, Leone M, Peccarisi C, Micieli G, Granella F, Magri M, Manzoni GC, Nappi G: Double blind comparison of lithium and verapamil in cluster headache prophylaxis. Headache, 1990;30(7):411–417. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2205598/ (Zugriff: 2026-08-10).

  3. Steiner TJ, Hering R, Couturier EGM, Davies PTG, Whitmarsh TE: Double-blind placebo-controlled trial of lithium in episodic cluster headache. Cephalalgia, 1997;17(6):673–675. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9350389/ (Zugriff: 2026-08-10).

Über den Autor
Obmann & Gründer · Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich

Stefan Kohlweg lebt selbst seit seinem 18. Lebensjahr mit Clusterkopfschmerz und hat den ersten österreichischen Verein für Betroffene und Angehörige gegründet. Er vertritt die österreichische Patienten-Community auf europäischen Kopfschmerz-Kongressen.

Die Beiträge des Redaktionsteams entstehen mit KI-Unterstützung und werden vor der Veröffentlichung redaktionell geprüft und verantwortet.

Redaktion & Transparenz

Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich erstellt, einer Patientenorganisation von Betroffenen für Betroffene. Veröffentlicht am 10. August 2026. Quellenangaben finden Sie am Ende des Beitrags.

Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt. Anlaufstellen finden Sie in unserem Ärzteregister. In akuten Krisen: Notruf 144, Telefonseelsorge 142.

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