Von Stefan Kohlweg

Nervenblockade (GON-Block) bei Clusterkopfschmerz: Die Übergangstherapie zwischen Cortison und Neurostimulation

Therapie & Übergangsphase · 8 min Lesezeit
Der GON-Block überbrückt die Zeit, bis eine andere Therapie zu wirken beginnt.

Beim GON-Block wird eine Kombination aus einem Lokalanästhetikum und einem Kortikosteroid gezielt an den Nervus occipitalis major im Hinterkopf injiziert. Eine Metaanalyse randomisierter Studien zeigt dafür eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit auf Schmerzfreiheit gegenüber Kontrollbedingungen. Dieser Beitrag erklärt, wie das Verfahren wirkt, was die Studienlage zeigt und wo es in der Versorgungslücke zwischen oraler Cortison-Bridging-Therapie und implantierten Neurostimulationsverfahren steht.

Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei akuten Beschwerden kontaktieren Sie bitte Ihre Ärztin oder den Notruf 144.

Clusterkopfschmerz-Schübe folgen selten einem bequemen Zeitplan. Wer eine neue Prophylaxe wie Verapamil beginnt, muss oft ein bis zwei Wochen überbrücken, bis der Wirkstoff seine volle Wirkung entfaltet, wie im Beitrag Prophylaxe bei Clusterkopfschmerz: Verapamil, EKG-Kontrollen und Cortison-Bridging beschrieben. Für diese Übergangsphase ist ein kurzer oraler Cortisonkurs die bekannteste Option. Reicht das medikamentöse Vorgehen bei therapierefraktären Verläufen nicht aus, rücken implantierte Neurostimulationsverfahren in den Blick. Dazwischen liegt eine dritte Option, die an Kopfschmerzambulanzen deutlich häufiger eingesetzt wird, als es ihre öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt: die Nervenblockade am Nervus occipitalis major, kurz GON-Block.

Kurz erklärt: Was passiert bei einem GON-Block?

Der Nervus occipitalis major (Greater Occipital Nerve, GON) versorgt sensibel einen großen Teil der Kopfhaut am Hinterkopf. Er verläuft oberflächlich unter der Haut, ungefähr auf halbem Weg zwischen dem Warzenfortsatz hinter dem Ohr und dem Hinterhauptshöcker, und ist von außen gut zu erreichen.

Beim GON-Block wird an dieser Stelle eine Kombination aus einem Lokalanästhetikum und einem Kortikosteroid injiziert, meist einseitig auf der Seite der Attacken. Der genaue Wirkmechanismus bei Clusterkopfschmerz ist nicht abschließend geklärt; diskutiert wird ein Effekt auf trigeminozervikale Schaltstellen im Hirnstamm, über die Reize aus dem oberen Nackenbereich mit dem trigeminovaskulären Schmerzsystem verschaltet sind.

Was ist ein GON-Block, und wie unterscheidet er sich von anderen Verfahren?

Der GON-Block ist ein ambulanter Eingriff: Eine Neurologin oder ein Neurologe injiziert die Substanzmischung mit einer feinen Nadel unter die Kopfhaut am Hinterkopf, die Prozedur dauert wenige Minuten und erfordert keine Operation. Das unterscheidet ihn deutlich von den invasiveren Neurostimulationsverfahren wie der okzipitalen Nervenstimulation oder der tiefen Hirnstimulation, bei denen ein Impulsgeber operativ implantiert wird.

Gleichzeitig wirkt der GON-Block gezielter als eine orale Cortisontherapie: Statt den Wirkstoff systemisch über den ganzen Körper zu verteilen, wird er lokal an eine anatomisch klar definierte Stelle gebracht. Das kann ein Vorteil sein, etwa wenn eine orale Kortisongabe wegen Vorerkrankungen wie Diabetes oder Osteoporose nur eingeschränkt infrage kommt. Der GON-Block ist in Österreich an Kopfschmerzambulanzen und in der neurologischen Praxis verfügbar und wird sowohl bei episodischem als auch bei chronischem Clusterkopfschmerz eingesetzt.

Einordnung: Drei Optionen für die Übergangsphase, nicht eine

Cortison-Bridging, GON-Block und Neurostimulation schließen einander nicht aus. Sie stehen für unterschiedliche Situationen: kurzfristig und oral (Cortison), lokal und wiederholbar (GON-Block), langfristig und invasiv (Neurostimulation). Welche Option passt, entscheidet die behandelnde Neurologin oder der behandelnde Neurologe anhand des individuellen Verlaufs.

Die Versorgungslücke: Zwischen Cortison-Bridging und Neurostimulation

Der Blog des Vereins hat die orale Cortison-Überbrückungstherapie in der Einleitungsphase einer Verapamil-Prophylaxe bereits ausführlich beschrieben, ebenso die implantierten Neurostimulationsverfahren für therapierefraktäre Verläufe. Zwischen beiden liegt in der klinischen Praxis eine Versorgungslücke: Menschen, für die eine orale Kortisongabe nicht oder nicht mehr infrage kommt, deren Verlauf aber noch keine Indikation für ein implantiertes Verfahren begründet.

Für diese Gruppe ist der GON-Block eine etablierte Zwischenoption. Er kann als einmalige Injektion eingesetzt werden, um eine akute Häufung von Attacken abzufangen, während eine neu begonnene Prophylaxe noch nicht wirkt. Er kann aber auch wiederholt gegeben werden, etwa im Abstand mehrerer Wochen, wenn eine anhaltende Reduktion der Attackenfrequenz das Ziel ist. Diese Flexibilität, kombiniert mit dem im Vergleich zur oralen Cortisongabe günstigeren systemischen Nebenwirkungsprofil, macht das Verfahren zu einer Option, die an Kopfschmerzzentren wie jenen der MedUni Wien regelmäßig angeboten wird, wenn die Standardüberbrückung mit oralem Cortison nicht ausreicht oder ungeeignet ist.

Auch im Leitlinienwerk der Fachgesellschaften ist die Nervenblockade am Nervus occipitalis major als Therapieoption bei Clusterkopfschmerz verankert. Die aktuell im AWMF-Leitlinienregister geführte S1-Leitlinie „Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen“ (AWMF-Register-Nr. 030/036) wurde federführend von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie gemeinsam mit weiteren Fachgesellschaften erarbeitet, darunter die Österreichische Gesellschaft für Neurologie.4 Die letzte vollständige Fassung stammt aus dem Jahr 2015, ihre reguläre Gültigkeit ist inzwischen abgelaufen, eine Überarbeitung ist im AWMF-Register angekündigt. Für Betroffene bedeutet das vor allem: Der aktuelle Stand einer Leitlinie ist nicht statisch, und im Zweifel lohnt sich die Nachfrage bei der behandelnden Kopfschmerzambulanz, welche Empfehlung aktuell greift.

Was die Evidenz zeigt

Eine 2020 publizierte Metaanalyse von zwei randomisierten, placebokontrollierten Studien errechnete für die Schmerzfreiheit nach einem Monat ein 4,86-fach höheres relatives Risiko gegenüber Kontrollbedingungen (95 %-Konfidenzintervall 1,35 bis 17,55), ohne statistische Heterogenität zwischen den beiden Studien.

Wirksamkeit: Was Metaanalyse und randomisierte Studien zeigen

Die bislang umfassendste Aufarbeitung der Evidenz stammt von Ornello und Kolleginnen und Kollegen, veröffentlicht 2020 in Expert Review of Neurotherapeutics. Die Autorinnen und Autoren werteten 12 Studien mit insgesamt 365 Patientinnen und Patienten mit episodischem und/oder chronischem Clusterkopfschmerz aus; fünf Studien, darunter zwei randomisierte, placebokontrollierte Studien, konnten in eine gepoolte Analyse einfließen. Der gepoolte Anteil schmerzfreier Patientinnen und Patienten nach einem Monat lag bei 50 % (95 %-Konfidenzintervall 24 bis 76 %, mit deutlicher Heterogenität zwischen den Studien). Für die beiden eingeschlossenen randomisierten Studien errechnete sich ein relatives Risiko für Schmerzfreiheit nach einem Monat von 4,86 gegenüber der Kontrollgruppe (95 %-Konfidenzintervall 1,35 bis 17,55), hier ohne statistische Heterogenität. Die Autorinnen und Autoren ziehen den Schluss, dass die verfügbaren Daten trotz methodischer Einschränkungen und Heterogenität die Wirksamkeit und Sicherheit des GON-Blocks bei Clusterkopfschmerz stützen, fordern aber größer angelegte randomisierte Studien, um Wirksamkeit und optimales Vorgehen abschließend zu klären.1

Die beiden randomisierten Studien, die in diese gepoolte Analyse eingegangen sind, zeigen zugleich, wie unterschiedlich das Verfahren in der Praxis eingesetzt werden kann:

Einmalige Injektion (Ambrosini et al., 2005): In dieser doppelblinden, placebokontrollierten Studie erhielten 13 Patientinnen und Patienten eine einmalige Injektion einer Mischung aus einem schnell wirksamen Lokalanästhetikum (Lidocain) und einem länger wirksamen Kortikosteroid (Betamethason), zehn eine Placebo-Injektion. Nach einer Woche waren 11 von 13 Behandelten (85 %) attackenfrei, gegenüber 0 von 10 in der Placebogruppe. Der Effekt hielt bei den Ansprechenden mindestens vier Wochen an.2

Wiederholte Injektionen als ausdrückliche Übergangstherapie (Leroux et al., 2011): Diese am Pariser Kopfschmerz-Notfallzentrum durchgeführte Studie richtete sich gezielt an Betroffene mit mehr als zwei Attacken pro Tag, also an eine besonders belastete Gruppe, für die eine rasche Überbrückung dringlich ist. 43 Patientinnen und Patienten (28 mit episodischem, 15 mit chronischem Verlauf) erhielten randomisiert drei suboccipitale Injektionen im Abstand von 48 bis 72 Stunden, entweder mit dem in Frankreich gebräuchlichen Kortikosteroid Cortivazol oder mit Kochsalzlösung. Zwei bis vier Tage nach der letzten Injektion hatten 20 von 21 Patientinnen und Patienten (95 %) in der Cortivazol-Gruppe eine Reduktion auf höchstens zwei Attacken pro Tag erreicht, gegenüber 12 von 22 (55 %) in der Kontrollgruppe. Der Effekt zeigte sich unabhängig davon, ob der Verlauf episodisch oder chronisch war. Bereits im Studientitel bezeichnen die Autorinnen und Autoren das Vorgehen ausdrücklich als „transitional treatment“, auf Deutsch: als Übergangstherapie.3

Cortivazol ist in Österreich nicht verfügbar; die Studie zeigt aber das Prinzip: Wiederholte Injektionen eines Kortikosteroids am Hinterhauptsnerv können gezielt eingesetzt werden, um eine besonders belastende Phase mit sehr häufigen Attacken zu überbrücken, bis eine andere Therapie greift. Welches Kortikosteroid und welches Injektionsschema im Einzelfall verwendet wird, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Was Sie beim Arztgespräch ansprechen können
  • Führen Sie ein Attackentagebuch mit Häufigkeit, Dauer und Intensität: Das erleichtert die Einschätzung, ob eine Überbrückung sinnvoll ist.
  • Fragen Sie aktiv, ob ein GON-Block bei Ihrem Verlauf infrage kommt, etwa wenn eine orale Cortisongabe nicht anwendbar ist.
  • Klären Sie, ob eine einmalige oder eine wiederholte Injektion vorgesehen ist und in welchem Abstand.
  • Fragen Sie nach möglichen Nebenwirkungen der Injektion und wann Sie sich bei Beschwerden melden sollten.
  • Sprechen Sie an, welche Rolle der GON-Block im Zusammenspiel mit Ihrer laufenden Prophylaxe spielt.
  • Klären Sie, an welcher Kopfschmerzambulanz oder in welcher neurologischen Praxis das Verfahren in Ihrer Region angeboten wird.

Grenzen des Verfahrens: Was ein GON-Block nicht ist

Ein GON-Block ist keine Dauerlösung und kein Ersatz für eine wirksame Prophylaxe. Auch ein injiziertes Kortikosteroid ist, wie jede Kortisongabe, keine beliebig oft wiederholbare Option: Die Entscheidung über Häufigkeit und Abstand wiederholter Injektionen liegt bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt, die dabei das individuelle Risikoprofil berücksichtigen. Die Metaanalyse von Ornello und Kolleginnen und Kollegen weist zudem darauf hin, dass die Datenbasis trotz insgesamt positiver Ergebnisse begrenzt und heterogen ist. Nicht jede Person spricht auf das Verfahren an, und ein GON-Block ersetzt nicht die Abklärung, ob eine bestehende Prophylaxe angepasst werden sollte.

Für Betroffene bedeutet das: Der GON-Block ist eine reale, gut untersuchte Option für die Übergangsphase, aber eine unter mehreren. Ob er im individuellen Fall sinnvoll ist, welches Kortikosteroid verwendet wird und wie oft die Injektion wiederholt werden kann, ist eine Entscheidung, die in die neurologische Sprechstunde gehört, nicht in die Eigenregie.

Wer sich einen Überblick über die gesamte Bandbreite der Behandlungsoptionen bei Clusterkopfschmerz verschaffen möchte, findet diesen im Beitrag Clusterkopfschmerzen: Therapiemöglichkeiten im Überblick.


Quellen

  1. Ornello R, Lambru G, Caponnetto V, Frattale I, Di Felice C, Pistoia F, Sacco S: Efficacy and safety of greater occipital nerve block for the treatment of cluster headache: a systematic review and meta-analysis. Expert Review of Neurotherapeutics, 2020-08-31. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32781922/ (Zugriff: 2026-08-21).

  2. Ambrosini A, Vandenheede M, Rossi P, Aloj F, Sauli E, Pierelli F, Schoenen J: Suboccipital injection with a mixture of rapid- and long-acting steroids in cluster headache: a double-blind placebo-controlled study. Pain, 2005-10-03. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16202532/ (Zugriff: 2026-08-21).

  3. Leroux E, Valade D, Taifas I, Vicaut E, Chagnon M, Roos C, Ducros A: Suboccipital steroid injections for transitional treatment of patients with more than two cluster headache attacks per day: a randomised, double-blind, placebo-controlled trial. The Lancet Neurology, 2011-09-06. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21903477/ (Zugriff: 2026-08-21).

  4. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) mit Deutscher Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, Österreichischer Gesellschaft für Neurologie, Schweizerischer Neurologischer Gesellschaft und Berufsverband Deutscher Neurologen: S1-Leitlinie Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen, AWMF-Register-Nr. 030/036. AWMF, 2015-05-14 (Gültigkeit abgelaufen, Überarbeitung angekündigt). https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-036 (Zugriff: 2026-08-21).

Über den Autor
Obmann & Gründer · Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich

Stefan Kohlweg lebt selbst seit seinem 18. Lebensjahr mit Clusterkopfschmerz und hat den ersten österreichischen Verein für Betroffene und Angehörige gegründet. Er vertritt die österreichische Patienten-Community auf europäischen Kopfschmerz-Kongressen.

Die Beiträge des Redaktionsteams entstehen mit KI-Unterstützung und werden vor der Veröffentlichung redaktionell geprüft und verantwortet.

Redaktion & Transparenz

Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich erstellt, einer Patientenorganisation von Betroffenen für Betroffene. Veröffentlicht am 21. August 2026. Quellenangaben finden Sie am Ende des Beitrags.

Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt. Anlaufstellen finden Sie in unserem Ärzteregister. In akuten Krisen: Notruf 144, Telefonseelsorge 142.

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