CGRP-Antikörpertherapien bei Clusterkopfschmerz: Aktueller Stand 2025/2026

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Forschungsstand · 5 min Lesezeit
Was wir 2025/2026 über CGRP-Antikörper bei Clusterkopfschmerz wissen

Dieser Beitrag fasst zusammen, was aktuelle klinische Studien über die Wirksamkeit von CGRP-Antikörpern bei episodischem und chronischem Clusterkopfschmerz zeigen, wo Galcanezumab steht und was Betroffene in Österreich bei der Frage nach Erstattung und Zugang wissen sollten.

Der letzte eigenständige Artikel zu CGRP-Antikörpern auf dieser Website stammt aus dem Jahr 2023. Seitdem hat sich die Datenlage erheblich weiterentwickelt — und sie ist differenzierter geworden, als manche gehofft hatten. Neue randomisierte kontrollierte Studien aus 2025 zeichnen ein klares, aber kein einfaches Bild: Für einen Teil der Betroffenen gibt es heute eine zugelassene und wirksame Option. Für andere — insbesondere für Menschen mit chronischem Clusterkopfschmerz — hat die Forschung Grenzen aufgezeigt, die real sind und nicht schöngeredet werden sollten.

Was ist CGRP?

Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) ist ein Neuropeptid, das im trigeminovaskulären System eine zentrale Rolle bei der Schmerzentstehung spielt. Während einer Clusterkopfschmerzattacke werden messbar erhöhte CGRP-Spiegel im Blut nachgewiesen — ein Befund, der die Entwicklung von Antikörpern motiviert hat, die dieses Peptid oder seinen Rezeptor blockieren.

Vier monoklonale Antikörper sind in der EU für die Migräneprophylaxe zugelassen: Galcanezumab, Erenumab, Fremanezumab und Eptinezumab. Nur einer davon — Galcanezumab — hat eine spezifische Zulassung für den episodischen Clusterkopfschmerz, und auch diese gilt bislang ausschließlich in den USA (FDA). Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat die entsprechende Indikationserweiterung im Februar 2020 abgelehnt.

CGRP und Clusterkopfschmerz: ein komplexes Verhältnis

Dass CGRP bei Clusterkopfschmerz eine Rolle spielt, ist seit Jahren bekannt. Was Forschende zunächst hoffnungsvoll stimmte: Die Anhebung von CGRP durch intravenöse Infusion kann bei manchen Betroffenen Attacken auslösen — ähnlich wie bei Migräne. Das legt nahe, dass eine Blockade des Peptids therapeutisch wirksam sein könnte. Die Realität, die sich in den folgenden Jahren in klinischen Studien gezeigt hat, ist jedoch erheblich differenzierter.

Entscheidend für das Verständnis der aktuellen Datenlage ist der Unterschied zwischen episodischem und chronischem Clusterkopfschmerz. Beim episodischen Verlauf wechseln aktive Episodenphasen mit völliger Beschwerdefreiheit ab. Beim chronischen Verlauf fehlen diese Remissionsphasen über mehr als ein Jahr — die Erkrankung ist durchgehend aktiv. Diese Unterscheidung hat sich als klinisch bedeutsam erwiesen: Antikörper, die im episodischen Verlauf wirken, versagen bislang konsistent im chronischen.

Galcanezumab: Die zugelassene Option für episodischen Clusterkopfschmerz

Merkhilfe zur Zulassungslage

Galcanezumab (Emgality) hat in den USA eine FDA-Zulassung speziell für den episodischen Clusterkopfschmerz beim Erwachsenen (seit Juni 2019). In der Europäischen Union besteht keine entsprechende Zulassung: Die EMA hat die Indikationserweiterung am 27. Februar 2020 abgelehnt — der Einsatz bei Clusterkopfschmerz erfolgt in Österreich daher off-label.

Für chronischen Clusterkopfschmerz besteht weder in den USA noch in der EU eine Zulassung — und die vorliegenden RCT-Daten zeigen bislang keine Wirksamkeit in dieser Subgruppe.

Galcanezumab bindet an das CGRP-Peptid selbst (nicht an den Rezeptor) und blockiert so dessen Wirkung. In der zulassungsrelevanten Phase-III-Studie zeigte Galcanezumab bei episodischem Clusterkopfschmerz eine statistisch signifikante Reduktion der wöchentlichen Attackenfrequenz gegenüber Placebo. Auf Basis dieser Daten erteilte die FDA am 4. Juni 2019 die Zulassung für episodischen CH beim Erwachsenen. Die EMA bewertete dieselbe Indikationserweiterung jedoch anders: Am 27. Februar 2020 gab der zuständige Ausschuss (CHMP) eine negative Stellungnahme ab, der die Europäische Kommission folgte. Begründung: Die vorgelegten Studiendaten reichten aus EMA-Sicht für eine eindeutige Wirksamkeitsaussage nicht aus; das Nutzen-Risiko-Verhältnis sei nicht positiv. In der EU ist Galcanezumab daher ausschließlich für die Migräneprophylaxe zugelassen — der Einsatz bei Clusterkopfschmerz erfolgt off-label.

Ein Lancet Neurology-Kommentar vom Mai 2025 fasst den wissenschaftlichen Konsens zusammen: Galcanezumab ist bei episodischem Clusterkopfschmerz wirksam und hat eine dokumentierte biologische Plausibilität. Gleichzeitig betonen die Autorinnen und Autoren, dass die absolute Effektstärke moderat ist und nicht alle Betroffenen ansprechen. Eine individuelle Nutzenbewertung — in Abstimmung mit einer erfahrenen neurologischen Fachkraft — bleibt daher unverzichtbar.

Wichtig für die österreichische Versorgungsrealität: Da in der EU keine Zulassung für die Indikation Clusterkopfschmerz vorliegt, ist jeder Einsatz hier ein Off-Label-Use — was die Argumentation gegenüber der Krankenkasse strukturell erschwert. Dazu weiter unten mehr.

Erenumab und andere Antikörper: Neue Daten, klare Grenzen

Studienbefund 2025 — Chronischer Clusterkopfschmerz

Eine im Juni 2025 in JAMA Network Open veröffentlichte randomisierte kontrollierte Studie untersuchte Erenumab bei chronischem Clusterkopfschmerz. Das Ergebnis: keine statistisch signifikante Überlegenheit gegenüber Placebo in der primären Endpunktvariable.

Dieses Ergebnis reiht sich in ein konsistentes Muster: Auch frühere Studien mit Fremanezumab und Galcanezumab beim chronischen CH zeigten keine belastbare Wirksamkeit.

Erenumab (Aimovig) richtet sich nicht gegen das CGRP-Peptid selbst, sondern gegen dessen Rezeptor — ein mechanistisch anderer Ansatz, der bei Migräne gut dokumentiert wirksam ist. In einer großen randomisierten kontrollierten Studie, die im Juni 2025 in JAMA Network Open erschien, wurde Erenumab nun auch bei chronischem Clusterkopfschmerz geprüft. Die Studie mit mehreren Hundert Teilnehmenden zeigte, dass Erenumab keine signifikante Reduktion der Attackenfrequenz gegenüber Placebo erzielte.

Der bereits erwähnte Lancet Neurology-Kommentar vom Mai 2025 ordnet diesen Befund in den Gesamtstand ein: Die bisherige Datenlage legt nahe, dass die Pathophysiologie des chronischen CH sich in einem oder mehreren Punkten wesentlich von jener des episodischen CH unterscheidet — und dass CGRP-gerichtete Ansätze in der chronischen Verlaufsform bislang keinen therapeutischen Angriffspunkt gefunden haben. Ob veränderte hypothalamische Aktivierungsmuster, periphere Sensibilisierung oder andere Faktoren verantwortlich sind, bleibt Gegenstand laufender Forschung.

Für Fremanezumab (Ajovy) und Eptinezumab (Vyepti) liegen keine positiven Phase-III-Daten bei Clusterkopfschmerz vor — weder beim episodischen noch beim chronischen Verlauf. Beide Präparate sind für Clusterkopfschmerz nicht zugelassen.

Ein Überblick über die in der Diskussion häufig erwähnte Vortragssituation zu CGRP aus österreichischer Selbsthilfeperspektive findet sich im Beitrag Online Vortrag zu CGRP-Antikörpertherapien der SHG Kopfweh.

Österreich: Erstattung und Zugang zur Therapie

Praktische Orientierung für Betroffene

Für CGRP-Antikörper bei Migräne hat die ÖGK klare Erstattungskriterien definiert (u. a. Mindestanzahl Migränetage, Vorbehandlungen). Für die Indikation Clusterkopfschmerz existiert kein eigener Erstattungspfad — der Zugang erfolgt, sofern er gelingt, über das Chefarztverfahren.

Eine spezialisierte neurologische Abklärung an einer Kopfschmerzambulanz — etwa an der MedUni Wien — ist für diesen Weg in der Regel Voraussetzung.

Die ÖGK erstattet CGRP-Antikörper derzeit regulär nur bei Migräne mit ausreichend vielen Monatsattacken und nach mehreren erfolglosen Vorbehandlungen. Für die Indikation Clusterkopfschmerz gibt es keinen eigenständigen Erstattungskatalog-Eintrag — und weil auch keine EMA-Zulassung für diese Indikation vorliegt, bewegt sich jeder Antrag im Off-Label-Setting. Der Weg läuft über das individuelle Chefarztverfahren mit zusätzlicher Off-Label-Begründung; die Krankenkasse prüft den Einzelfall auf medizinische Notwendigkeit, und der Maßstab ist in dieser Konstellation strenger als bei einer regulär zugelassenen Indikation.

Erfahrungsberichte aus der Selbsthilfe zeigen, dass ein positiver Bescheid im Chefarztverfahren grundsätzlich möglich ist — aber weder garantiert noch einfach ist. Folgende Elemente sind nach Einschätzung erfahrener Neurologinnen und Neurologen hilfreich:

  • Eine präzise, dokumentierte Krankengeschichte mit Attackenfrequenz, Dauer und bisherigen Therapieversuchen
  • Ein ärztliches Schreiben einer neurologischen Fachstelle mit Spezialisierung auf Kopfschmerz
  • Nachweise über durchgeführte Vorbehandlungen (Verapamil, Lithium, Kortikosteroide zur Episodenunterbrechung)
  • Dokumentation des Subtyps: episodischer Verlauf ist Voraussetzung für die FDA-Zulassung von Galcanezumab — in der EU besteht für Clusterkopfschmerz keine Zulassung, sodass die Argumentation zusätzlich auf einer Off-Label-Begründung aufbauen muss

Die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) bietet auf ihrer Website weiterführende Informationen zu leitliniengerechten Behandlungspfaden. Die Kopfschmerzambulanz der MedUni Wien ist eine der wenigen Stellen in Österreich mit dezidierter Clusterkopfschmerz-Expertise.

Zum weiteren Therapiespektrum bei Clusterkopfschmerz — insbesondere zur Akutbehandlung mit Sauerstoff und Sumatriptan sowie zu prophylaktischen Optionen wie Verapamil — bietet der Beitrag Clusterkopfschmerzen: Therapiemöglichkeiten einen Überblick.

Was bedeutet das für Betroffene?

Episodischer CH Galcanezumab ist in den USA (FDA) zugelassen und in RCTs wirksam; in der EU besteht keine Zulassung, der Einsatz erfolgt off-label. Der Zugang in Österreich läuft über das Chefarztverfahren mit Off-Label-Begründung; eine spezialisierte neurologische Begleitung erhöht die Chancen.
Chronischer CH Kein CGRP-Antikörper hat bislang in RCTs Wirksamkeit beim chronischen CH gezeigt. Andere Prophylaxeoptionen und spezialisierte Schmerzmedizin stehen im Vordergrund.
Für alle Betroffenen Dokumentation ist entscheidend: Attackenkalender, Subtyp-Diagnose und Vorbehandlungs-Nachweis sind für jedes Erstattungsgesuch unverzichtbar.

Die CGRP-Forschung bei Clusterkopfschmerz ist noch nicht abgeschlossen. Neue Wirkstoffe, andere Applikationswege und kombinierte Therapieansätze werden in laufenden Studien untersucht. Was sich aber heute mit Sicherheit sagen lässt: Die jahrelange Annahme, dass alle CGRP-Antikörper ähnlich bei CH wirken wie bei Migräne, hat sich nicht bestätigt. Galcanezumab bildet die bisher einzige gut belegte Ausnahme — und auch hier gilt sie nur für den episodischen Verlauf.

Wenn Sie mehr über die Grundlagen der Erkrankung, den Diagnoseweg und weitere Behandlungsoptionen in Österreich erfahren möchten, bietet der Beitrag Clusterkopfschmerzen in Österreich: Fakten, Diagnose und Hilfe einen guten Einstieg.

Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Therapieentscheidungen bei Clusterkopfschmerz — insbesondere in Bezug auf Prophylaxepräparate wie CGRP-Antikörper — gehören in die Hände erfahrener Neurologinnen und Neurologen. Bei akuten Beschwerden kontaktieren Sie bitte Ihre Ärztin oder den Notruf 144.

Haben Sie Fragen zur Diagnose, zu Selbsthilfegruppen in Ihrer Region oder zum Austausch mit anderen Betroffenen? Auf unserer Seite Treffen und Selbsthilfe finden Sie aktuelle Informationen zu unseren Angeboten.


Quellen

  1. Holle-Lee D et al.: Galcanezumab in Episodic Cluster Headache — Kommentar zur aktuellen Datenlage. The Lancet Neurology, Mai 2025. https://www.thelancet.com/journals/laneur/article/PIIS1474-4422(25)00103-6/abstract (Zugriff: 2026-05-23).

  2. Eigenbrodt AK et al.: Erenumab for the prevention of chronic cluster headache — Phase III randomized controlled trial. JAMA Network Open, Juni 2025. https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2835406 (Zugriff: 2026-05-23).

  3. May A, Vollesen ALH: CGRP and cluster headache: A narrative review of clinical evidence. PubMed / NCBI, 2025. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40526384/ (Zugriff: 2026-05-23).

  4. European Medicines Agency (EMA): Refusal of a change to the marketing authorisation for Emgality (galcanezumab), 28.02.2020. https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/emgality (Zugriff: 2026-05-25).

  5. CHMP Meeting Highlights, 24.–27. Februar 2020 — Negative Opinion zur Indikationserweiterung Galcanezumab/Clusterkopfschmerz. European Medicines Agency. https://www.ema.europa.eu (Zugriff: 2026-05-25).

  6. U.S. Food and Drug Administration (FDA): Approval of Emgality (galcanezumab-gnlm) for the treatment of episodic cluster headache in adults, 04.06.2019. https://www.fda.gov (Zugriff: 2026-05-25).

  7. Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN): Leitlinien und Informationen für Patientinnen und Patienten. https://www.oegn.at (Zugriff: 2026-05-23).

  8. Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK): Informationen zur Chefarztbewilligung und Erstattung. https://www.gesundheitskasse.at (Zugriff: 2026-05-23).