Capsaicin-Nasenspray bei Clusterkopfschmerz: was die Forschung zeigt
Kurz gesagt: Kleine Studien aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren deuten darauf hin, dass wiederholte Capsaicin-Gaben in das Nasenloch der Schmerzseite bei episodischem Clusterkopfschmerz die Beschwerden lindern können. Die Fallzahlen waren winzig, die Wirkung bei chronischem Verlauf nur vorübergehend, und in den europäischen Leitlinien spielt Capsaicin-Nasenspray keine Rolle. Dieser Beitrag zeigt, was die Daten hergeben — und warum aus dem Ansatz nie eine verfügbare Standardtherapie wurde.
Capsaicin ist der Scharfstoff der Chilischote, und die Idee klingt zunächst paradox: Ausgerechnet ein brennender Reiz in der Nase soll Clusterkopfschmerz lindern? Hinter dem Gedanken steht eine neurobiologische Hypothese über die trigeminalen Schmerzfasern der Nasenschleimhaut, die in den 1990er-Jahren tatsächlich in mehreren kleinen Studien geprüft wurde. Die Ergebnisse waren zum Teil ermutigend, blieben aber Stückwerk — und rund drei Jahrzehnte später spielt Capsaicin-Nasenspray in der leitliniengetragenen Versorgung keine Rolle.
Wie soll Capsaicin in der Nase gegen Clusterkopfschmerz wirken?
Der Clusterkopfschmerz geht mit einer Aktivierung des trigeminalen Systems einher, und die einseitigen Begleitsymptome — tränendes Auge, laufende oder verstopfte Nase auf der Schmerzseite — deuten auf eine Beteiligung der Nasenschleimhaut und ihrer Nervenfasern hin. Capsaicin reizt genau diese Fasern: Es setzt bei wiederholter Anwendung die Botenstoffe der Schmerzübertragung, insbesondere Substanz P und das Peptid CGRP, in den Nervenendigungen frei und erschöpft sie schließlich. Die Vorstellung dahinter: Sind die Speicher dieser Botenstoffe geleert, lassen sich Schmerzsignale über diese Fasern schlechter weiterleiten.
Dass dieser Mechanismus tatsächlich greift, wurde tierexperimentell und am Menschen untersucht. Fusco et al. wiesen 1994 nach, dass wiederholte nasale Capsaicin-Gaben die Substanz-P- und CGRP-haltigen Fasern in der Nasenschleimhaut von Ratten aufbrauchen. In Doppler-Messungen an Gesunden führte eine einmalige Gabe zu einer Erweiterung der inneren Halsschlagader bei gleichzeitiger Verengung der mittleren Hirn- und der Basilararterie — ein Hinweis darauf, dass der Reiz in der Nase tatsächlich Gefäßreaktionen im Kopf auslöst.
- Der Botenstoff-Verbrauch in der Nasenschleimhaut ist ein laborchemisch belegter Mechanismus, aber noch kein Wirksamkeitsbeweis am Patienten.
- Gefäßreaktionen nach einer Einzelgabe bedeuten nicht, dass Attacken seltener oder schwächer werden — das müssen klinische Studien zeigen.
- Biologische Plausibilität ist der Anfang einer Forschungsgeschichte, nicht ihr Abschluss.
Was die frühen Studien tatsächlich zeigen
Die klinische Evidenz zu Capsaicin-Nasenspray bei Clusterkopfschmerz besteht aus drei kleinen Arbeiten aus den Jahren 1993 und 1994 — einer placebokontrollierten Studie und zwei offenen Arbeiten derselben italienischen Forschungsgruppe.
Marks et al. 1993: die einzige placebokontrollierte Capsaicin-Studie
Marks et al. randomisierten Patienten in einer akuten Clusterepisode doppelblind auf Capsaicin oder Placebo, jeweils verabreicht in das Nasenloch der Schmerzseite über 7 Tage, und zeichneten die Kopfschmerzstärke über 15 Tage auf. Das Ergebnis: In den Tagen 8 bis 15 waren die Kopfschmerzen unter Capsaicin signifikant schwächer als unter Placebo, und nur in der Capsaicin-Gruppe besserte sich die zweite Woche signifikant gegenüber der ersten. Patienten mit episodischem Verlauf profitierten dabei stärker als solche mit chronischem.
Fusco et al. 1994 (Pain): einseitig hilft, gegenseitig nicht
Die zweite Arbeit umfasste 52 Patienten mit episodischem sowie 18 mit chronischem Clusterkopfschmerz. Bei den episodischen Patienten wurde entweder das Nasenloch der Schmerzseite oder das der Gegenseite behandelt; die chronischen Patienten erhielten die Anwendung abwechselnd auf beiden Seiten. Die Zahlen fielen eindeutig aus:
- 70 % der episodischen Patienten mit Anwendung auf der Schmerzseite zeigten eine deutliche Besserung — bei Anwendung auf der Gegenseite keine Besserung.
- Der Unterschied zwischen Schmerzseite und Gegenseite war statistisch signifikant, sowohl bei episodischem als auch bei chronischem Verlauf.
- Bei chronischem Verlauf hielt die Besserung längstens 40 Tage an — immer vorübergehend.
- Bei einer Nachbeobachtung über zwei Jahre ließ sich die Wirkung bei 65 % der zuvor ansprechenden Patienten durch Wiederbehandlung erneut erzielen; bei chronischem Verlauf blieb sie stets auf höchstens einen Monat begrenzt.
- Die Fallzahlen sind klein, und nur eine der drei Arbeiten war placebokontrolliert und verblindet.
- Der Vergleich Schmerzseite gegen Gegenseite ist ein starkes Design-Argument — er spricht gegen einen reinen Placeboeffekt.
- Trotzdem fehlt, was eine Therapie belastbar macht: große Fallzahlen, unabhängige Wiederholung durch andere Gruppen und Langzeitdaten.
Civamide: die kontrollierte Studie von Saper et al. 2002
Der bislang hochwertigste Wirksamkeitsversuch stammt aus dem Jahr 2002: eine multizentrische, doppelblinde, randomisierte und vehikelkontrollierte Studie an 14 US-Zentren zur vorbeugenden Behandlung des episodischen Clusterkopfschmerzes. Geprüft wurde Civamide, die in dieser Studie eingesetzte Substanz, als Nasenspray über eine einwöchige Behandlungsphase; insgesamt wurden 28 Patienten eingeschlossen (18 Civamide, 10 Vehikel).
Das Ergebnis war ein schwaches, aber messbares Signal: Der Rückgang der Kopfschmerzhäufigkeit gegenüber dem Ausgangswert betrug in der ersten Woche nach Behandlung −55,5 % unter Civamide gegenüber −25,9 % unter Vehikel (P = 0,03). In den beiden Folgezeiträumen blieb der Unterschied in ähnlicher Größenordnung (−66,9 % gegenüber −32,3 % bzw. −70,6 % gegenüber −34,9 %), verfehlte aber jeweils knapp die Signifikanzgrenze (P = 0,07); über den gesamten Nachbeobachtungszeitraum lag der P-Wert bei 0,054. Bei Schmerzstärke, schweren Attacken und Begleitsymptomen gab es keine signifikanten Unterschiede. Die Autoren selbst formulierten vorsichtig: Civamide sei in der Vorbeugung des episodischen Clusterkopfschmerzes „möglicherweise mäßig wirksam“.
Zur Verträglichkeit gehört die ganze Wahrheit: Nasales Brennen trat bei 14 von 18 Patienten unter Civamide gegenüber 1 von 10 unter Vehikel auf (P = 0,001), tränende Augen bei 9 von 18 gegenüber 0 von 10 (P = 0,01). Das Brennen ist also kein seltener Nebeneffekt, sondern die zu erwartende Begleiterscheinung des Wirkprinzips.
Einordnung: warum daraus nie eine Standardtherapie wurde
Legt man die gesamte Geschichte nebeneinander — plausibler Mechanismus, ermutigende kleine Studien Anfang der 1990er, ein schwaches Signal in einer kleinen kontrollierten Studie 2002 —, dann stellt sich die naheliegende Frage: Warum gibt es bis heute kein Capsaicin-Nasenspray als Behandlungsoption?
Die Antwort liegt in den Daten selbst. Die Evidenz blieb klein, alt und unvollständig: Nach 2002 folgten keine größeren Bestätigungsstudien, die Wirkung bei chronischem Verlauf war stets nur vorübergehend, und die Verträglichkeit mit regelmäßigem nasalen Brennen ist für eine Daueranwendung ungünstig. Folgerichtig findet sich Capsaicin-Nasenspray in den aktuellen europäischen Leitlinien zur Behandlung des Clusterkopfschmerzes (May et al., 2023) nicht unter den empfohlenen Therapien — empfohlen werden dort unter anderem Sauerstoff und Sumatriptan für die Akutbehandlung sowie Verapamil, Kortikosteroide, Lithium, Topiramat und Galcanezumab (nur episodisch) für die Vorbeugung. Auch die deutsche S2k-Leitlinie von DGN und DMKG sieht für den Ansatz keine Rolle vor.
Einen Überblick über die Therapien, die sich tatsächlich bewährt haben, gibt der Beitrag Clusterkopfschmerzen: Therapiemöglichkeiten im Überblick. Wer sich für Verfahren jenseits von Medikamenten interessiert, findet sie im Beitrag Neurostimulation bei Clusterkopfschmerz: Optionen im Überblick — und wie sorgfältig selbst pflanzliche Ansätze wie Mutterkraut bei Migräne und Clusterkopfschmerz einzuordnen sind, zeigt, dass Zurückhaltung gegenüber alten Signalen kein Einzelfall ist.
- Bei der behandelnden Neurologin oder dem behandelnden Neurologen bleiben: Die leitliniengerechte Akut- und Vorbeugungsbehandlung hat eine um Größenordnungen bessere Datenlage als jede Capsaicin-Anwendung.
- Experimente mit scharfen Substanzen in der Nase unterlassen: Capsaicin-Extrakte oder Chiliprodukte gehören nicht in die Nase — Verätzungen und schwere Reizungen drohen, ganz ohne belegten Nutzen.
- Neue Studien kritisch einordnen: Sollte die Forschung das Thema je wieder aufgreifen, zählen Fallzahl, Verblindung und unabhängige Wiederholung — nicht die Plausibilität der Idee.
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei akuten Beschwerden kontaktieren Sie bitte Ihre Ärztin oder den Notruf 144.
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Quellen
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Marks DR, Rapoport A, Padla D, Weeks R, Rosum R, Sheftell F, Arrowsmith F: A double-blind placebo-controlled trial of intranasal capsaicin for cluster headache. Cephalalgia, 1993. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8495452/ (Zugriff: 2026-09-16).
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Fusco BM, Marabini S, Maggi CA, Fiore G, Geppetti P: Preventative effect of repeated nasal applications of capsaicin in cluster headache. Pain, 1994. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/7708405/ (Zugriff: 2026-09-16).
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Fusco BM, Fiore G, Gallo F, Martelletti P, Giacovazzo M: „Capsaicin-sensitive" sensory neurons in cluster headache: pathophysiological aspects and therapeutic indication. Headache, 1994. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/7515383/ (Zugriff: 2026-09-16).
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Saper JR, Klapper J, Mathew NT, Rapoport A, Phillips SB, Bernstein JE: Intranasal civamide for the treatment of episodic cluster headaches. Archives of Neurology, 2002. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12056936/ (Zugriff: 2026-09-16).
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May A, Evers S, Goadsby PJ, et al.: European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. European Journal of Neurology, 2023. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37515405/ (Zugriff: 2026-09-16).
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Deutsche Gesellschaft für Neurologie und Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft: S2k-Leitlinie Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen. https://www.dgn.org/leitlinien (Zugriff: 2026-09-16).
Stefan Kohlweg lebt selbst seit seinem 18. Lebensjahr mit Clusterkopfschmerz und hat den ersten österreichischen Verein für Betroffene und Angehörige gegründet. Er vertritt die österreichische Patienten-Community auf europäischen Kopfschmerz-Kongressen.
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Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich erstellt, einer Patientenorganisation von Betroffenen für Betroffene. Veröffentlicht am 16. September 2026. Quellenangaben finden Sie am Ende des Beitrags.
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt. Anlaufstellen finden Sie in unserem Ärzteregister. In akuten Krisen: Notruf 144, Telefonseelsorge 142.
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