Melatonin bei Clusterkopfschmerz: was die Studienlage wirklich zeigt
Kurz gesagt: Eine kleine placebokontrollierte Doppelblindstudie deutet darauf hin, dass Melatonin bei episodischem Clusterkopfschmerz die Attackenfrequenz senken kann. Die Ansprechrate war begrenzt, bei chronischem Verlauf zeigte sich keine Wirkung, und in den europäischen Leitlinien ist Melatonin keine Empfehlung. Dieser Beitrag zeigt, was die Daten hergeben, und warum das Thema trotzdem eine ärztliche Angelegenheit bleibt.
Melatonin ist in Apotheken rezeptfrei erhältlich, gilt als sanft und wird im Zusammenhang mit Clusterkopfschmerz immer wieder diskutiert, unter anderem in Selbsthilfegruppen und Online-Foren. Die logische Kette scheint einleuchtend: Der Clusterkopfschmerz ist eng mit dem circadianen System verbunden, Melatonin ist das Hormon der inneren Uhr, also könnte Melatonin helfen. So einfach ist es jedoch nicht. Die klinische Evidenz ist dünn: Eine einzige kleine Doppelblindstudie aus dem Jahr 1996, dazu zwei kleine Veröffentlichungen aus dem Umfeld derselben Forschungsgruppe. Das Ergebnis ist ambivalent und verdient eine ehrliche Einordnung.
Dieser Beitrag beantwortet drei Fragen: Warum ist Melatonin bei Clusterkopfschmerz überhaupt ein Thema? Was zeigen die vorhandenen Studien tatsächlich? Und was bedeutet das für Betroffene, die mit dem Gedanken spielen, Melatonin einzunehmen?
Warum Melatonin? Die biologische Verbindung zur inneren Uhr
Melatonin wird in der Zirbeldrüse (Epiphyse) produziert und ist das zentrale Hormonsignal, über das der Suprachiasmatische Kern im Hypothalamus der übrigen Körperzellen die Nacht meldet. Seine Ausschüttung folgt einem strikten Tag-Nacht-Rhythmus: Der Spiegel steigt abends, erreicht in der zweiten Nachthälfte sein Maximum und sinkt zum Morgen wieder ab.
Der Clusterkopfschmerz seinerseits ist eine der chronobiologisch am besten charakterisierten Schmerzerkrankungen überhaupt. Attacken treten zu präzisen Uhrzeiten auf, häufig mitten in der Nacht, häufen sich in bestimmten Jahreszeiten und folgen einem Verlauf, der in Episoden organisiert ist. Bildgebende Studien zeigen die Aktivierung des posterioren Hypothalamus während Attacken, und Hormonmessungen fanden bei Betroffenen in aktiven Phasen erniedrigte nächtliche Melatonin-Spiegel. Dass ein gemeinsames System hinter beiden Phänomenen steht, ist gut belegt. Wie genau dieser Zusammenhang funktioniert und welche Hirnstrukturen daran beteiligt sind, erklärt der Beitrag Clusterkopfschmerz, circadianer Rhythmus und Hypothalamus ausführlich.
Aus dieser Verbindung entstand die Idee der Melatonin-Substitution: Wenn die nächtliche Melatonin-Produktion bei Clusterkopfschmerz verändert ist, könnte die Gabe von Melatonin das System wieder in einen gesünderen Rhythmus bringen. Biologisch plausibel klingt das. Doch Plausibilität ist keine Evidenz, und die Schlafstörungen, die viele Betroffene zusätzlich belasten, sind ein eigenes, vielschichtiges Problem, wie der Beitrag Schlafstörungen und Clusterkopfschmerz zeigt.
- Der Clusterkopfschmerz ist eng mit dem circadianen System verknüpft; nächtliche Melatonin-Spiegel sind bei Betroffenen in aktiven Phasen erniedrigt.
- Melatonin ist rezeptfrei erhältlich und gilt allgemein als verträglich, das heißt aber nicht, dass es bei Clusterkopfschmerz wirkt.
- Die gesamte klinische Evidenz für eine vorbeugende Wirkung besteht aus einer kleinen Doppelblindstudie und zwei kleinen Begleitpublikationen.
- Die europäischen Leitlinien empfehlen Melatonin bei Clusterkopfschmerz nicht.
Was die klinischen Studien tatsächlich zeigen
Die Studienlage zu Melatonin bei Clusterkopfschmerz ist klein, alt und heterogen. Zentrales Dokument ist eine 1996 in Cephalalgia publizierte, placebokontrollierte Doppelblind-Pilotstudie von Leone et al. Daran schließen sich zwei kleine Publikationen von Peres et al. an, eine davon als Kurzmitteilung in The Lancet.
Leone et al. 1996: die einzige kontrollierte Studie
Die Studie von Leone et al. untersuchte 20 Patientinnen und Patienten, davon 18 mit episodischem und zwei mit chronischem Clusterkopfschmerz, in einem doppelblinden, placebokontrollierten Design. Das Ergebnis war differenziert:
- 20 Patientinnen und Patienten insgesamt, ein Pilotversuch mit parallelen Gruppen.
- 18 der 20 hatten einen episodischen Verlauf, nur zwei einen chronischen.
- Bei den episodischen Fällen sprachen 5 von 10 unter Melatonin an (Reduktion der Attackenfrequenz), unter Placebo lag die Ansprechrate niedriger.
- Bei den chronischen Fällen zeigte sich keine Ansprechrate: Die beiden chronischen Patienten profitierten nicht.
- Über Nebenwirkungen wurde in der Studie nichts Nennenswertes berichtet.
Zwei Dinge sind an diesem Befund wichtig. Erstens: Eine Ansprechrate von fünf von zehn bei zehn Behandelten in einer Pilotstudie ist ein Signal, aber kein belastbarer Beleg. Die Stichprobe ist winzig, die Studie als Pilot angelegt, und größere Bestätigungsstudien sind in den fast drei Jahrzehnten seither nicht nachgekommen. Zweitens: Die Unterscheidung zwischen episodischem und chronischem Verlauf ist entscheidend. Dort, wo Melatonin ein Signal zeigte, war es der episodische Verlauf, jene Form, die von sich aus zeitlich begrenzt ist und oft auch ohne Zutaten wieder in Remission geht.
Peres et al. 2000 und 2001: Fallserien und Kurzmitteilungen
Die beiden weiteren Publikationen kommen ebenfalls aus der Forschungsgruppe um Mario Peres. Eine 2000 in The Lancet erschienene Kurzmitteilung („Cluster headache and melatonin") und eine 2001 in Cephalalgia publizierte Arbeit zur vorbeugenden Behandlung des chronischen Clusterkopfschmerzes berichteten über kleine Fallserien. Auch hier gilt: Die Fallzahlen sind klein, die Designs offen und nicht kontrolliert, und die Berichte verstehen sich als hypothesebildend, nicht als Wirksamkeitsbeweis. Nebenwirkungen wurden auch in diesen Berichten nicht berichtet, was bei den kleinen Fallzahlen allerdings wenig aussagt.
Insgesamt lässt sich die Evidenzlage so zusammenfassen: Es gibt einen plausiblen biologischen Mechanismus und ein schwaches, nicht reproduziertes Wirksamkeitssignal bei episodischem Verlauf. Es gibt keine Evidenz für chronische Verläufe und keine ausreichende Datenlage zu Verträglichkeit bei langfristiger Einnahme in dieser Indikation.
Einordnung in den Leitlinien: warum Melatonin keine Erstlinientherapie ist
Wer die Behandlungsoptionen bei Clusterkopfschmerz überblickt, stellt fest: Weder die Leitlinie der European Academy of Neurology (May et al., 2023) noch die deutsche S2k-Leitlinie von DGN und DMKG führen Melatonin als Empfehlung. Beide Leitlinien basieren auf systematischen Evidenzbewertungen, und eine Mittelbewertung setzt eine Mindestqualität und -quantität der Studienlage voraus, die Melatonin hier nicht erreicht.
Das ist kein Urteil über Melatonin als Substanz, sondern über den Stand der Daten. Leitlinienempfehlungen brauchen reproduzierbare Wirksamkeitsnachweise aus ausreichend großen, kontrollierten Studien. Genau die fehlen.
- Verapamil ist das Mittel der Wahl für die vorbeugende Behandlung des Clusterkopfschmerzes und die am besten untersuchte Option.
- Kurze Cortison-Stoßtherapien werden häufig als Überbrückung eingesetzt, bis die Verapamil-Dosierung wirkt.
- Für nicht ausreichend ansprechende Fälle existieren weitere Optionen wie Lithium oder bestimmte Nervenblockaden, die fachärztlich eingesetzt werden.
- Melatonin erscheint in den Empfehlungstabellen nicht; es gibt keine Leitlinienempfehlung für diese Indikation.
Der Beitrag Clusterkopfschmerzen: Therapiemöglichkeiten gibt einen Überblick über den etablierten Vorbeugungs- und Akutbehandlungskatalog. Dass die episodische Form der Erkrankung zeitlich begrenzt ist und typischerweise sechs bis zwölf Wochen dauert, spielt für die Einordnung von Melatonin eine Rolle: Bei einem Verlauf, der von sich aus wieder abklingt, ist es methodisch schwer, von außen zugeführte Wirkung und natürlichen Verlauf zu unterscheiden. Warum Episoden diese typische Dauer haben, erklärt der Beitrag Warum eine Cluster-Episode sechs bis zwölf Wochen dauert.
Fairerweise gehört zur vollständigen Einordnung: In der Praxis kommt es vor, dass Verapamil nicht vertragen wird, Wechselwirkungen bestehen oder andere Gründe gegen die Standardtherapie sprechen. In solchen Fällen kann ein Neurologe oder eine Neurologin auch Optionen außerhalb der Leitlinienempfehlung abwägen. Melatonin kann in diesem Sinne eine Erwägung wert sein, aber als ärztlich begleitete Einzelfallentscheidung, nicht als Ersatz für die Standardversorgung.
Was Betroffene in der Praxis beachten müssen
Dass Melatonin in Österreich rezeptfrei in Apotheken erhältlich ist, verleitet manchmal zur Selbstmedikation. Das ist bei Clusterkopfschmerz problematisch, und zwar aus mehreren Gründen.
Erstens verschleiert jede Eigenbehandlung den Verlauf: Wenn eine Episode beginnt, zählt in den ersten Wochen jeder Tag, um die wirksame Vorbeugung einzustellen. Zeit, die mit dem Testen von Nahrungsergänzungen vergeht, ist Behandlungszeit, die verloren geht. Zweitens unterscheiden sich rezeptfreie Präparate erheblich in Qualität und Dosierung; der Nahrungsergänzungsmarkt ist nicht wie der Arzneimittelmarkt reguliert. Drittens wirkt Melatonin auf den Schlaf-Wach-Rhythmus, und bei einer Erkrankung, deren Attacken selbst rhythmgebunden sind, sollte niemand an diesem System unkoordiniert herumdrehen.
- Mit der behandelnden Neurologin oder dem behandelnden Neurologen sprechen: Fragen Sie gezielt, ob Melatonin in Ihrem Fall eine sinnvolle Ergänzung sein könnte, insbesondere wenn Sie die Standardtherapie nicht vertragen.
- Verlauf dokumentieren: Ein Schmerz- und Schlafprotokoll hilft der Fachärztin oder dem Facharzt zu beurteilen, ob eine Episode beginnt und wie sie auf Behandlungen ansprechen.
- Qualität ernst nehmen: Wenn Melatonin medizinisch vereinbart wird, gehört die Auswahl des Präparats in ärztliche oder pharmazeutische Hände, nicht in die eigenmächtige Auswahl im Regal.
- Die Episoden-Logik nutzen: Da episodischer Clusterkopfschmerz zeitlich begrenzt ist, lohnt sich eine frühzeitig eingestellte, leitliniengerechte Vorbeugung immer mehr als das nachträgliche Nachfassen.
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei akuten Beschwerden kontaktieren Sie bitte Ihre Ärztin oder den Notruf 144.
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Quellen
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Leone M, D'Amico D, Moschiano F, Fraschini F, Bussone G: Melatonin versus placebo in the prophylaxis of cluster headache: a double-blind pilot study with parallel groups. Cephalalgia, 1996. DOI: 10.1046/j.1468-2982.1996.1607494.x. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8933994/ (Zugriff: 2026-09-11).
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Peres MF, Rozen TD: Melatonin in the preventive treatment of chronic cluster headache. Cephalalgia, 2001. DOI: 10.1046/j.1468-2982.2001.00307.x. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11843873/ (Zugriff: 2026-09-11).
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Peres MF: Cluster headache and melatonin. The Lancet, 2000. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/10675194/ (Zugriff: 2026-09-11).
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May A, Evers S, Goadsby PJ, et al.: European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. European Journal of Neurology, 2023. DOI: 10.1111/ene.16093. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37515405/ (Zugriff: 2026-09-11).
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Deutsche Gesellschaft für Neurologie und Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft: S2k-Leitlinie Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen. https://www.dgn.org/leitlinien (Zugriff: 2026-09-11).
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Österreichisches Gesundheitsportal Gesundheit.gv.at und Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN): Informationen zu Kopfschmerzerkrankungen. https://www.gesundheit.gv.at (Zugriff: 2026-09-11).
Stefan Kohlweg lebt selbst seit seinem 18. Lebensjahr mit Clusterkopfschmerz und hat den ersten österreichischen Verein für Betroffene und Angehörige gegründet. Er vertritt die österreichische Patienten-Community auf europäischen Kopfschmerz-Kongressen.
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Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich erstellt, einer Patientenorganisation von Betroffenen für Betroffene. Veröffentlicht am 11. September 2026. Quellenangaben finden Sie am Ende des Beitrags.
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt. Anlaufstellen finden Sie in unserem Ärzteregister. In akuten Krisen: Notruf 144, Telefonseelsorge 142.
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