Clusterkopfschmerz ohne tränendes Auge oder laufende Nase?
Ein Clusterkopfschmerz kann ohne tränendes Auge und ohne laufende Nase auftreten. Selbst wenn alle kranialen autonomen Zeichen fehlen, kann nach den ICHD-3-Kriterien ein Gefühl von Unruhe oder Agitiertheit das betreffende Begleitkriterium erfüllen. Die Diagnose hängt trotzdem vom gesamten Attackenmuster und der ärztlichen Abklärung ab.
Das typische Bild ist leicht wiederzuerkennen: starker Schmerz auf einer Kopfseite, dazu ein gerötetes oder tränendes Auge und eine verstopfte oder laufende Nase auf derselben Seite. Fehlen die sichtbaren Zeichen, kann das Betroffene verunsichern. Die autonomen Symptome beim Clusterkopfschmerz sind jedoch unterschiedlich ausgeprägt. Entscheidend ist zunächst eine Unterscheidung: Fehlen nur Tränenfluss und Nasensymptome, oder fehlen tatsächlich alle kranialen autonomen Zeichen?
Was die Diagnosekriterien tatsächlich verlangen
Die ICHD-3 nennt mindestens ein kraniales autonomes Zeichen auf der Schmerzseite und/oder ein Gefühl von Unruhe oder Agitiertheit. Tränenfluss und laufende Nase sind Beispiele, keine einzeln verpflichtenden Merkmale. Dieses Begleitkriterium allein stellt noch keine Diagnose.
Zur Liste der ICHD-3 gehören neben Tränenfluss und Nasensymptomen auch eine gerötete Bindehaut, ein geschwollenes Augenlid, Schwitzen an Stirn oder Gesicht sowie eine verengte Pupille oder ein hängendes Lid. Die Zeichen müssen, wenn sie auftreten, auf der Schmerzseite liegen. Die Leitlinie der European Academy of Neurology führt dieselbe Alternative zwischen autonomen Zeichen und Unruhe in ihrer Wiedergabe der ICHD-3-Kriterien auf.
Hinzu kommen weitere Kriterien: wiederkehrende, sehr starke einseitige Schmerzen im Bereich von Auge oder Schläfe, eine charakteristische Dauer und Häufigkeit der unbehandelten Attacken sowie der Ausschluss einer besseren Erklärung durch eine andere Erkrankung. Ein einzelnes fehlendes oder vorhandenes Symptom entscheidet deshalb nicht über die Diagnose. Wie sich Bewegungsdrang während einer Attacke zeigen kann, beschreiben wir gesondert.
Was Studien über Attacken ohne autonome Zeichen zeigen
In einem koreanischen Register hatten 19 von 216 Personen (8,8 %) mit Clusterkopfschmerz keine kranialen autonomen Symptome. Das ist ein Anteil innerhalb dieser untersuchten Gruppe, keine Schätzung für alle Betroffenen oder für Österreich.
Die prospektive Studie von Chu und Kolleginnen und Kollegen wertete Daten aus 16 koreanischen Kliniken aus. Sie unterschied 216 Personen mit Clusterkopfschmerz von 26 mit wahrscheinlichem Clusterkopfschmerz. Die häufig zitierte Zahl 19 von 216 bezieht sich nur auf die erste Gruppe. Die Autorinnen und Autoren weisen selbst darauf hin, dass ihr Register nicht die gesamte betroffene Bevölkerung repräsentiert.
Eine frühere prospektive Fallserie aus Portugal beschrieb ebenfalls Clusterkopfschmerz ohne kraniale autonome Zeichen: 9 von 157 untersuchten Personen. Beide Studien stützen die Möglichkeit dieser Erscheinungsform. Aus den unterschiedlichen Gruppen und Erhebungen lässt sich jedoch keine allgemeingültige Häufigkeit berechnen.
Was das für die Einordnung bedeutet
Ohne Tränenfluss und laufende Nase bleiben weitere autonome Zeichen möglich. Fehlen alle diese Zeichen, ist Unruhe nach ICHD-3 ein möglicher Weg durch das Begleitkriterium. Ob die übrigen Kriterien erfüllt sind und ob andere Ursachen infrage kommen, muss medizinisch beurteilt werden.
Die ICHD-3 ordnet Clusterkopfschmerz den trigemino-autonomen Kopfschmerzen zu. Diese Bezeichnung beschreibt das typische Muster, schreibt aber nicht vor, dass jede Person bei jeder Attacke ein tränendes Auge haben muss. Zugleich bedeutet einseitiger starker Kopfschmerz ohne solche Zeichen keineswegs automatisch Clusterkopfschmerz. Besonders bei neuen oder veränderten Beschwerden ist eine sorgfältige Abklärung wichtig. Den üblichen Weg erläutert unser Beitrag über die Clusterkopfschmerz-Diagnose in Österreich.
So beschreiben Sie eine Attacke im Arztgespräch
Notieren Sie die Schmerzseite, Beginn und Dauer der Attacke, sichtbare Veränderungen an Auge und Nase sowie Ihr Verhalten während des Schmerzes. Schreiben Sie auch auf, wenn ein Zeichen nicht auftritt. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, dieses Muster über mehrere Attacken zu zeigen.
Für die Neurologie ist eine Beschreibung des gesamten Verlaufs hilfreicher als die Antwort auf nur eine Frage nach dem Tränenfluss. Erinnern Sie sich an einen Bewegungsdrang, ein hängendes Lid oder ein gerötetes Auge? Treten die Beschwerden immer auf derselben Seite auf? Gibt es Attacken ohne jedes sichtbare Begleitzeichen? Solche Beobachtungen lassen sich auch mit einer Begleitperson besprechen und zum Termin mitnehmen. Sie ersetzen weder die Untersuchung noch die Prüfung anderer möglicher Ursachen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Lassen Sie neue, starke oder deutlich veränderte Kopfschmerzen ärztlich abklären. Bei akuten bedrohlichen Beschwerden wählen Sie in Österreich den Notruf 144.
Wenn Sie nach der Abklärung Austausch mit anderen Betroffenen suchen, erreichen Sie uns über die Kontaktseite des Vereins.
Quellen
- International Headache Society: 3.1 Cluster headache. International Classification of Headache Disorders, 3rd edition, 2018. https://ichd-3.org/3-trigeminal-autonomic-cephalalgias/3-1-cluster-headache/ (Zugriff: 2026-10-05).
- Chu MK et al.: Clinical features of cluster headache without cranial autonomic symptoms: results from a prospective multicentre study. Scientific Reports, 2021-03-25. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33767287/ (Zugriff: 2026-10-05).
- Martins IP, Gouveia RG, Parreira E: Cluster headache without autonomic symptoms: why is it different? Headache, 2005-03. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15836591/ (Zugriff: 2026-10-05).
- May A et al.: European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. European Journal of Neurology, 2023-07-28. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37515405/ (Zugriff: 2026-10-05).
Stefan Kohlweg lebt selbst seit seinem 18. Lebensjahr mit Clusterkopfschmerz und hat den ersten österreichischen Verein für Betroffene und Angehörige gegründet. Er vertritt die österreichische Patienten-Community auf europäischen Kopfschmerz-Kongressen.
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Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich erstellt, einer Patientenorganisation von Betroffenen für Betroffene. Veröffentlicht am 5. Oktober 2026. Quellenangaben finden Sie am Ende des Beitrags.
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt. Anlaufstellen finden Sie in unserem Ärzteregister. In akuten Krisen: Notruf 144, Telefonseelsorge 142.
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