Von Stefan Kohlweg

Warum bin ich während einer Attacke so unruhig?

Grundlagen & Diagnose · 7 min Lesezeit
Warum können Sie während einer Attacke nicht stillliegen?

Kurz gesagt: Weil die motorische Unruhe — der Drang, umherzugehen, sich zu wiegen oder aufzustehen — ein eigenständiges Diagnosekriterium des Clusterkopfschmerzes ist, kein Zeichen von Panik oder mangelnder Selbstbeherrschung. Die ICHD-3, die offizielle Kopfschmerzklassifikation der International Headache Society, führt „ein Gefühl von Unruhe oder Agitiertheit" ausdrücklich als Begleitmerkmal der Attacke. Dieser Beitrag ordnet ein, warum das so ist, wie deutlich sich das Bild von der Migräne unterscheidet, und was Betroffene und Angehörige davon für Arztgespräche mitnehmen können.

Viele Menschen mit Clusterkopfschmerz kennen das Bild aus eigener Erfahrung: Mitten in der Nacht schreckt man mit einem Schmerz hoch, der keine Ruheposition zulässt. Man steht auf, geht im Zimmer auf und ab, presst die Hand gegen die Schläfe, setzt sich wieder hin, steht erneut auf. Wer diese Attacken zum ersten Mal miterlebt — als Partnerin, Kollege oder Rettungssanitäterin — hält das Verhalten oft für einen Angst- oder Panikzustand. Tatsächlich handelt es sich um ein anerkanntes, gut dokumentiertes Merkmal der Erkrankung selbst: die motorische Unruhe, im Fachjargon oft als psychomotorische Agitation bezeichnet.

Die motorische Unruhe als eigenständiges Diagnosekriterium

Was die ICHD-3 konkret verlangt

Die ICHD-3-Kriterien für 3.1 Clusterkopfschmerz verlangen, dass während der Attacke mindestens eines der folgenden Zeichen auf der Schmerzseite auftritt: Bindehautrötung, Tränenfluss, verstopfte oder laufende Nase, Lidödem, Schwitzen im Gesicht, eine verengte Pupille oder ein hängendes Lid — „und/oder ein Gefühl von Unruhe oder Agitiertheit". Anders als die übrigen Zeichen dieser Liste ist die Unruhe kein rein autonomes Symptom, sondern ein Verhaltensmerkmal — und dennoch reicht sie allein aus, um dieses Kriterium der Diagnose zu erfüllen.

Im Alltag zeigt sich dieses Kriterium sehr konkret. Die deutsche Fachgesellschaft für Kopfschmerzen, die DMKG, beschreibt es in ihrer Patientenbroschüre als „Bewegungsunruhe (Umherlaufen, Wippen mit dem Oberkörper)" — neben den bekannteren autonomen Zeichen wie Tränenfluss oder laufender Nase, die der Beitrag Autonome Symptome beim Clusterkopfschmerz ausführlich erklärt. Betroffene berichten häufig, dass sie während der schlimmsten Phase einer Attacke schlicht nicht stillsitzen oder -liegen können — nicht aus Nervosität, sondern weil der Körper regelrecht nach Bewegung verlangt.

Wie verbreitet dieses Verhalten tatsächlich ist, zeigt eine prospektive Studie von Torelli und Manzoni (2003): 88,1 % der untersuchten Personen zeigten während der Attacke typische Zeichen psychomotorischer Agitation. Die Autoren zogen daraus den Schluss, dass diese Unruhe so häufig auftritt, dass sie als eigenes diagnostisches Kriterium gelten sollte — eine Einschätzung, die inzwischen tatsächlich in die ICHD-3 eingeflossen ist. Wichtig für die Einordnung: Weder die Studie noch die ICHD-3 beschreiben die Unruhe als lateralisiert — sie tritt, anders als Tränenfluss oder Ptosis, nicht zwingend nur auf einer Körperseite auf.

Der Gegensatz zur Migräne: Bewegungsdrang statt Rückzug

Merkhilfe: zwei gegensätzliche Verhaltensmuster

Die ICHD-3-Kriterien für 1.1 Migräne ohne Aura verlangen unter anderem eine „Verschlechterung durch oder Vermeidung von routinemäßiger körperlicher Aktivität (z. B. Gehen oder Treppensteigen)". Migräne-Betroffene suchen also aktiv Ruhe.

Beim Clusterkopfschmerz gilt fast das Gegenteil: Bewegung wird nicht vermieden, sondern gesucht — obwohl sie den Schmerz nicht lindert.

Dieser Gegensatz ist mehr als eine Randnotiz. Für Hausärztinnen und Hausärzte, die einen Patienten mit starkem einseitigem Kopfschmerz zum ersten Mal sehen, ist das Verhalten während der Attacke oft ein ebenso wichtiger Hinweis wie die Schmerzlokalisation selbst. Eine Person, die sich krümmt, im Zimmer auf und ab geht oder sich vor Schmerz den Kopf hält, während sie gleichzeitig nicht in einem abgedunkelten Raum liegen möchte, passt schlecht zum typischen Migränebild. Der ausführliche Vergleich beider Kopfschmerzformen — Schmerzcharakter, Dauer, Begleitsymptome und Behandlung — findet sich im Beitrag Clusterkopfschmerz und Migräne: Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Wichtig ist dabei eine Klarstellung, die auch der Beitrag Sport und Bewegung bei Clusterkopfschmerz macht: Der Bewegungsdrang während der Attacke ist ein unwillkürliches Verhaltensmerkmal und kein Hinweis darauf, dass Bewegung die Schmerzen lindert oder als Bewältigungsstrategie taugt. Er ist ein Diagnosezeichen, keine Handlungsempfehlung — während einer akuten Attacke steht die medizinische Akutversorgung im Vordergrund, nicht die Art der Bewegung.

Was im Körper passiert: mehr als nur der Trigeminus

Forschungsstand: eine Hypothese, kein abschließend geklärter Mechanismus

Die auffälligen autonomen Symptome — Tränenfluss, Rötung, laufende Nase — lassen sich gut durch den trigemino-autonomen Reflex erklären: eine Verschaltung im Hirnstamm, die den Trigeminusnerv mit dem parasympathischen Nervensystem koppelt. Für die motorische Unruhe reicht dieses Modell allein aber nicht aus.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit zur Bildgebung bei Clusterkopfschmerz hält fest, dass zentrale Merkmale wie die Tagesrhythmik der Attacken ebenso wie „Verhaltensmerkmale (etwa Agitiertheit und Unruhe)" durch das trigeminovaskuläre Modell allein nicht vollständig erklärt werden können.

An dieser Stelle rückt eine andere Hirnregion in den Fokus: der Hypothalamus. Er gilt als die zentrale biologische Uhr des Gehirns und wird seit Jahren mit der ausgeprägten Tages- und Jahresrhythmik des Clusterkopfschmerzes in Verbindung gebracht — Attacken treten bei vielen Betroffenen zu bestimmten Uhrzeiten oder in bestimmten Jahreszeiten gehäuft auf. Die Übersichtsarbeit von Silvestro und Kolleginnen (2022) beschreibt den Hypothalamus als mögliches „fehlendes Bindeglied" zwischen der eigentlichen Schmerzkaskade und dem Einfluss zentraler Hirnstrukturen auf Verhalten und Rhythmik. Damit ist die Idee plausibel, dass dieselbe hypothalamische Aktivierung, die den zeitlichen Rhythmus der Attacken mitsteuert, auch an der motorischen Unruhe beteiligt ist.

Wichtig ist hier Ehrlichkeit über den Stand des Wissens: Ein direkter, ursächlicher Nachweis, dass hypothalamische Aktivität die Unruhe während der Attacke auslöst, steht nach aktueller Literatur noch aus. Was dokumentiert ist, ist die Beobachtung selbst — dass die Unruhe auftritt, wie häufig sie auftritt, und dass sie sich mit dem reinen Reflexmodell des Trigeminus nicht vollständig erklären lässt. Der genaue Mechanismus bleibt Gegenstand laufender Forschung.

Was das für Angehörige und das Arztgespräch bedeutet

Für den Arzttermin: die Beobachtung präzise beschreiben
  • Verhalten: Gehen Sie während der Attacke umher, wiegen Sie den Oberkörper, oder können Sie schlicht nicht in einer Position bleiben?
  • Zeitpunkt: Beginnt die Unruhe mit dem Schmerz, oder schon kurz davor?
  • Vergleich: Suchen Sie bei anderen Kopfschmerzformen (etwa Migräne) eher Ruhe und Dunkelheit?
  • Begleitzeichen: Treten gleichzeitig Tränenfluss, ein hängendes Lid oder eine laufende Nase auf derselben Seite auf?

Für Angehörige ist die wichtigste Erkenntnis oft eine einfache: Das Umhergehen und die sichtbare Anspannung während einer Attacke sind keine Übertreibung und kein Zeichen von Panik, sondern Teil des Krankheitsbilds selbst. Wie stark diese Fehleinschätzung von außen wiegen kann — und wie schwer es vielen Betroffenen fällt, die Schmerzqualität überhaupt in Worte zu fassen — beschreibt der Beitrag Video „The Beast" — die Kommunikation über die Qualität der Schmerzen. Wer als Kollegin, Rettungssanitäter oder Familienmitglied weiß, dass die motorische Unruhe ein anerkanntes Diagnosekriterium ist, begegnet der Situation mit mehr Verständnis — und kann im Ernstfall auch gegenüber medizinischem Fachpersonal präziser beschreiben, was während der Attacke tatsächlich passiert.

Für die ärztliche Diagnose ist die Beschreibung dieses Verhaltens oft ebenso hilfreich wie die Beschreibung des Schmerzes selbst — gerade weil Bewegungsdrang so gut von der Ruhesuche bei Migräne unterscheidbar ist. Eine präzise, unaufgeregte Schilderung im Gespräch ersetzt keine neurologische Untersuchung, kann eine korrekte Einordnung aber erheblich beschleunigen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Diagnose Clusterkopfschmerz gehört in die Hände von Neurologinnen und Neurologen. Bei neu auftretenden oder sich verändernden Symptomen wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.

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Quellen

  1. Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS): The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (ICHD-3) — 3.1 Cluster headache. Cephalalgia, 2018;38(1):1–211. https://ichd-3.org/3-trigeminal-autonomic-cephalalgias/3-1-cluster-headache/ (Zugriff: 2026-07-13). — Kanonisches Diagnosekriterium: „a sense of restlessness or agitation" als Teil des Kriteriums C, gleichrangig neben den autonomen Zeichen.
  2. Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS): The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition (ICHD-3) — 1.1 Migraine without aura. Cephalalgia, 2018;38(1):1–211. https://ichd-3.org/1-migraine/1-1-migraine-without-aura/ (Zugriff: 2026-07-13). — Kontrast-Kriterium: „aggravation by or causing avoidance of routine physical activity" bei Migräne.
  3. Torelli P, Manzoni GC: Pain and behaviour in cluster headache. A prospective study and review of the literature. Funct Neurol, 2003;18(4):205–210. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15055745/ (Zugriff: 2026-07-13). — 88,1 % psychomotorische Agitation während der Attacke; Empfehlung, Unruhe als Diagnosekriterium zu werten.
  4. Silvestro M, Tessitore A, Orologio I, Battista G, Siciliano M, Tedeschi G, Russo A: Cluster headache pathophysiology: What we have learned from advanced neuroimaging. Headache, 2022;62(4):436–452. DOI: 10.1111/head.14279. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9314615/ (Zugriff: 2026-07-13). — Verhaltensmerkmale wie Agitiertheit und Unruhe lassen sich durch das trigeminovaskuläre Modell allein nicht vollständig erklären; Hypothalamus als mögliches Bindeglied.
  5. Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG): Online-Broschüre Clusterkopfschmerz. https://www.dmkg.de/patienten/aufklaerung-und-informationen/onlinebroschuere-de/#clusterkopfschmerz (Zugriff: 2026-07-13). — Deutschsprachige Beschreibung: „Bewegungsunruhe (Umherlaufen, Wippen mit dem Oberkörper)" als charakteristisches Attackenzeichen.
Über den Autor
Obmann & Gründer · Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich

Stefan Kohlweg lebt selbst seit seinem 18. Lebensjahr mit Clusterkopfschmerz und hat den ersten österreichischen Verein für Betroffene und Angehörige gegründet. Er vertritt die österreichische Patienten-Community auf europäischen Kopfschmerz-Kongressen.

Die Beiträge des Redaktionsteams entstehen mit KI-Unterstützung und werden vor der Veröffentlichung redaktionell geprüft und verantwortet.

Redaktion & Transparenz

Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich erstellt — einer Patientenorganisation von Betroffenen für Betroffene. Veröffentlicht am 13. Juli 2026. Quellenangaben finden Sie am Ende des Beitrags.

Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt — Anlaufstellen finden Sie in unserem Ärzteregister. In akuten Krisen: Notruf 144, Telefonseelsorge 142.

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