Brain Health at Work: Nachbericht vom Talk zum World Brain Day 2026
Am 22. Juli 2026 hat die Brain Health Mission der European Academy of Neurology (EAN) zum Talk „Brain Health at Work" geladen. Unsere Autorin Tamara Brandstätter war als Betroffene dabei. Dieser Nachbericht bündelt, was in den Kleingruppen als Belastung benannt wurde, welche Anpassungen die Teilnehmenden empfohlen haben und was daraus für Menschen mit Clusterkopfschmerz folgt.
Wie können Arbeitsplätze die Gehirngesundheit der Menschen schützen, die dort täglich arbeiten? Mit dieser Frage hat sich am 22. Juli 2026, dem World Brain Day, ein einstündiger internationaler Talk der Brain Health Mission befasst.2 Ich habe daran teilgenommen und dabei die Perspektive von Menschen mit Migräne und anderen Kopfschmerzerkrankungen eingebracht. Der Beitrag Clusterkopfschmerz am Arbeitsplatz: Akute Phase und Remission hat diese Veranstaltung vorab eingeordnet. Was in der Diskussion tatsächlich zur Sprache kam, lesen Sie hier.
Der Talk: eine Stunde, drei Fragen, wechselnde Kleingruppen
Nach einer kurzen Einführung diskutierten die Teilnehmenden in wechselnden Kleingruppen entlang von drei Fragen: Wie wirken sich heutige Arbeitsbedingungen auf die Gehirngesundheit aus? Wo bestehen Lücken und Barrieren? Und welche Empfehlungen gelten für den Arbeitsplatz der Zukunft? Das Format war bewusst als Gespräch angelegt, nicht als Vortragsreihe.
Ich durfte mich dabei mit Vincenzina Lo Re, MD, FEBN, Maria Gebbia, Diversity & Inclusion Expert, Wael Alwahchi, Neurologist, und Luisa Welter, Scientific Assistant, austauschen.
- 22. Juli 2026, 15:00 bis 16:00 Uhr (MESZ), interaktives Online-Format2
- Veranstalterin: die Brain Health Mission, 2023 von der EAN gegründet1
- Leitgedanke der Mission: Jeder Mensch verdient unabhängig von Alter oder Herkunft optimale Gehirngesundheit1
- Thema des Talks: Arbeitsplätze, die Gehirngesundheit ein Leben lang schützen und stärken2
Warum Kopfschmerzerkrankungen in dieses Gespräch gehören, hat die EAN bereits mit dem Bild der „Brain Health Bubble" beschrieben, nachzulesen im Beitrag Kopfschmerz ist Gehirngesundheit: die Brain Health Bubble vom MHIPAS 2026 in Genf.
Was am Arbeitsplatz belastet
Als problematisch benannten die Teilnehmenden vor allem Faktoren, die in vielen Branchen längst Normalzustand sind: hoher Arbeitsdruck, Personalmangel, lange Dienste, Schlafmangel und fehlende Erholungszeiten. Dazu kommt ein Punkt, der Betroffene besonders trifft: das fehlende Verständnis für unsichtbare neurologische Erkrankungen.
Menschen mit Migräne erleben am Arbeitsplatz zusätzlich häufig Licht- und Lärmempfindlichkeit, Konzentrationsprobleme, Schwindel, Sehstörungen oder ausgeprägte Erschöpfung. Trotzdem fehlt vielerorts die einfachste aller Möglichkeiten: die Arbeitsbedingungen kurzfristig an eine akute Situation anzupassen.
- Was Kolleg:innen nicht sehen, halten sie leicht für nicht vorhanden
- Fehlende Anpassungsmöglichkeit ist keine Kleinigkeit, sondern die eigentliche Barriere
- Belastende Arbeitsbedingungen und eine neurologische Erkrankung verstärken sich gegenseitig
Wie stark sich das in Zahlen niederschlägt, zeigt die Forschung zum Clusterkopfschmerz deutlich: In Phasen mit Attacken ist die Produktivität um rund 65 % reduziert.3 Die Beschäftigungsquote Betroffener liegt bei 67,6 % gegenüber 96,2 % bei Kontrollpersonen ohne Kopfschmerz.4
Keine Standardlösung: fragen statt verordnen
Ein wesentlicher Punkt der Gespräche war, dass Standardlösungen nicht für alle Beschäftigten funktionieren. Statt Maßnahmen über die Köpfe der Betroffenen hinweg zu entwickeln, sollten Unternehmen ihre Mitarbeiter:innen direkt fragen, was sie brauchen. Für manche ist ein ruhiger Arbeitsplatz das Entscheidende, für andere sind es flexible Pausen, reduzierte Bildschirmreize, Homeoffice oder anpassbare Beginn- und Endzeiten.
Auch aus meiner persönlichen Erfahrung habe ich die Bedeutung flexibler Arbeitsmodelle hervorgehoben. Die Möglichkeit, Arbeit bei Bedarf auf mehrere kürzere Phasen zu verteilen, Pausen einzulegen oder von zu Hause aus zu arbeiten, kann wesentlich dazu beitragen, trotz einer chronischen Kopfschmerzerkrankung berufstätig zu bleiben.
- Individuell vereinbaren statt pauschal verordnen: die betroffene Person fragen
- Ruhige Rückzugsräume, in die man sich bei einer akuten Situation zurückziehen kann
- Flexible Zeiten: verschiebbare Beginn- und Endzeiten, verteilbare Arbeitsphasen, Homeoffice
- Reizarme Arbeitsumgebung: gedimmtes Licht, reduzierte Bildschirmreize, weniger Lärm
- Schulungen für Führungskräfte und Teams sowie eine offene Feedbackkultur
- Prävention zuerst: Unterstützung beginnt vor dem ersten langen Krankenstand, nicht danach
Diskutiert wurde außerdem, dass Unterstützung deutlich früher ansetzen muss, als sie es heute meist tut. Wenn Hilfe erst nach häufigen Krankenständen oder einem längeren Ausfall organisiert wird, ist der teuerste Teil des Weges bereits gegangen.
Was das für Menschen mit Clusterkopfschmerz bedeutet
Der Talk war international und breit angelegt, seine Empfehlungen passen aber bemerkenswert genau auf den Clusterkopfschmerz. Drei Punkte fallen dabei besonders ins Gewicht.
Die innere Uhr lässt sich nicht verhandeln. Bei rund 82 % der Betroffenen treten die Attacken mit uhrzeitgenauer Regelmäßigkeit auf, häufig nachts.5 Wer nachts von Attacken geweckt wird, ist am frühen Morgen nicht voll leistungsfähig. Gleitzeit ist deshalb keine Bequemlichkeit, sondern eine Anpassung an eine Hirnfunktion.
Akutbehandlung braucht einen Ort. Die wirksamste Akuttherapie ist hochdosierter Sauerstoff: In einer randomisierten Studie waren 78 % der Betroffenen nach 15 Minuten schmerzfrei, gegenüber 20 % unter Raumluft.6 Genau dafür ist der im Talk empfohlene ruhige Rückzugsraum entscheidend. Warum Sauerstoff und nicht das klassische Schmerzmittel wirkt, erklärt der Beitrag Warum Sauerstoff statt Schmerzmittel bei Cluster-Kopfschmerz.
Fragen wirkt besser als raten. „Fragen statt verordnen" war die zentrale Empfehlung des Talks, und beim Clusterkopfschmerz greift sie doppelt: Die Erkrankung verläuft in Episoden, sichtbare Beschwerden und beschwerdefreie Phasen wechseln einander ab. Wer nicht fragt, liest die ruhige Phase leicht als „geheilt". Einen breiteren Überblick über Rechte, Fehlzeiten und den Berufsalltag gibt der Beitrag Clusterkopfschmerzen und Arbeit.
Der Talk hat vor allem eines gezeigt: Ein kopfschmerzfreundlicher Arbeitsplatz muss weder kompliziert noch teuer sein. Häufig sind es flexible, individuell vereinbarte Anpassungen, die für Betroffene den entscheidenden Unterschied machen. Davon profitieren am Ende alle: durch mehr Wohlbefinden, längere Arbeitsfähigkeit und eine Unternehmenskultur, in der Gesundheit ernst genommen wird.
Wichtig: Dieser Beitrag gibt die Diskussion einer Veranstaltung wieder und ersetzt keine medizinische oder arbeitsrechtliche Beratung. Fragen zur Akutbehandlung besprechen Sie bitte mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem Arzt, Fragen zu Fehlzeiten oder Arbeitsplatzanpassungen mit einer arbeitsrechtlichen Beratungsstelle.
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Quellen
- European Academy of Neurology: The Brain Health Mission – About. https://www.ean.org/brain-health-mission/about (Zugriff: 26.07.2026). – 2023 von der EAN gegründete Initiative mit der Kernbotschaft, dass jeder Mensch unabhängig von Alter oder Herkunft optimale Gehirngesundheit verdient; fünf Handlungsfelder: globale Zusammenarbeit, Politik, Forschung, Bildung, öffentliches Bewusstsein.
- European Academy of Neurology (Brain Health Mission): World Brain Day 2026: Brain Health at Work. eanpages.org, https://www.eanpages.org/event/36845/ (Zugriff: 26.07.2026). – Einstündige interaktive Online-Veranstaltung am 22. Juli 2026, 15:00 bis 16:00 Uhr MESZ, zum Aufbau von Arbeitsplätzen, die Gehirngesundheit lebenslang schützen, unterstützen und stärken; behandelt Arbeitskultur, Arbeitsbelastung, Arbeitsumgebung und Beziehungen am Arbeitsplatz.
- Petersen AS, Lund N, Snoer A, Jensen RH, Barloese M: The economic and personal burden of cluster headache: a controlled cross-sectional study. The Journal of Headache and Pain, 2022;23(1):58. DOI: 10.1186/s10194-022-01427-7. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35610587/ (Zugriff: 26.07.2026). – Produktivität in Attackenphasen um rund 65 % reduziert; indirekte Krankheitskosten von 11.809 €/Jahr (chronisch) gegenüber 3.558 €/Jahr (episodisch).
- Choi YJ, Kim BK, Chung PW, et al.: Impact of cluster headache on employment status and job burden: a prospective cross-sectional multicenter study. The Journal of Headache and Pain, 2018;19(1):78. DOI: 10.1186/s10194-018-0911-x. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30178397/ (Zugriff: 26.07.2026). – Beschäftigungsquote der Betroffenen 67,6 % gegenüber 96,2 % bei Kontrollpersonen ohne Kopfschmerz.
- Pilati L, Torrente A, Alonge P, et al.: Sleep and Chronobiology as a Key to Understand Cluster Headache. Neurology International, 2023;15(1):497–507. DOI: 10.3390/neurolint15010029. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36976672/ (Zugriff: 26.07.2026). – Circadiane Taktung der Attacken bei rund 82 % der Betroffenen, häufig nachts; Steuerung über den Hypothalamus.
- Cohen AS, Burns B, Goadsby PJ: High-flow oxygen for treatment of cluster headache: a randomized trial. JAMA, 2009;302(22):2451–2457. DOI: 10.1001/jama.2009.1855. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19996400/ (Zugriff: 26.07.2026). – Doppelblinde randomisierte Studie: 78 % der Betroffenen unter hochdosiertem Sauerstoff nach 15 Minuten schmerzfrei gegenüber 20 % unter Raumluft.
- Eigener Teilnahmebericht der Autorin vom Talk am 22.07.2026 (Primärbeobachtung). – Die Wiedergabe der Diskussionsinhalte, der Gruppenzusammensetzung und der genannten Empfehlungen beruht auf der eigenen Teilnahme und ist nicht extern dokumentiert.
Tamara Brandstätter ist Mitglied des Vereins Clusterkopfschmerzen Österreich, lebt selbst mit Clusterkopfschmerz und ist in der österreichischen Kopfschmerz-Selbsthilfe aktiv. Sie ist ebenso im Namen der Migräne für Kopfweh Österreich aktiv.
Die Beiträge des Redaktionsteams entstehen mit KI-Unterstützung und werden vor der Veröffentlichung redaktionell geprüft und verantwortet.
Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich erstellt, einer Patientenorganisation von Betroffenen für Betroffene. Veröffentlicht am 26. Juli 2026. Quellenangaben finden Sie am Ende des Beitrags.
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt. Anlaufstellen finden Sie in unserem Ärzteregister. In akuten Krisen: Notruf 144, Telefonseelsorge 142.
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