Erkannt, statt erklären müssen: Das Sunflower Lanyard auf Reisen bei Clusterkopfschmerz
- 01Herkunft und Trägerschaft: vom Flughafen Gatwick zum globalen Netzwerk
- 02Funktionsprinzip: Selbstauskunft statt Diagnosenachweis
- 03Erfahrungsbericht: Anderthalb Stunden erspart am Flughafen Dubai
- 04Verfügbarkeit in Österreich: Flughafen Wien und Austrian Airlines
- 05Was das Lanyard nicht ist
- 06Wirkung und Kritik: was die Forschung zeigt
- 07Clusterkopfschmerz und das Sunflower-Schema: aktueller Stand
Clusterkopfschmerz ist zwischen den Attacken meist nicht sichtbar, und selbst während einer Attacke wird der Schmerz von Außenstehenden oft falsch eingeordnet oder verharmlost. Für genau diese Situation hat sich international ein einfaches Erkennungszeichen etabliert: die Sonnenblume des Hidden Disabilities Sunflower Scheme. Dieser Beitrag ordnet das Konzept ein, ergänzt um eine konkrete Reiseerfahrung aus der eigenen Vereinsarbeit.
Clusterkopfschmerz ist zwischen den Attacken meist nicht sichtbar, und selbst während einer Attacke wird der Schmerz von Außenstehenden oft falsch eingeordnet oder als „starke Migräne" verharmlost. Für genau diese Situation, in der eine reale Beeinträchtigung nicht erkennbar ist, hat sich international ein einfaches Erkennungszeichen etabliert: die Sonnenblume des Hidden Disabilities Sunflower Scheme. Der folgende Beitrag ordnet das Konzept ein, ergänzt um eine konkrete Reiseerfahrung aus der eigenen Vereinsarbeit, geschildert von Tamara Brandstätter, Mitglied des Vereins.
Herkunft und Trägerschaft: vom Flughafen Gatwick zum globalen Netzwerk
Entwickelt wurde das Lanyard im Mai 2016 vom Accessibility-Team des Flughafens London Gatwick, gemeinsam mit Wohltätigkeitsorganisationen wie der Alzheimer's Society und der National Autistic Society.1 Das Team betreute damals bereits über 500.000 Passagiere pro Jahr und suchte ein diskretes Mittel, mit dem Reisende mit nicht offensichtlicher Behinderung signalisieren können, dass sie möglicherweise mehr Zeit oder Unterstützung benötigen.1 Betrieben wird das Schema heute von der Hidden Disabilities Sunflower Scheme Limited, einer privaten britischen Firma; das Symbol ist markenrechtlich geschützt und mittlerweile an Flughäfen, bei Verkehrsbetrieben, im Einzelhandel und bei Veranstaltungen in zahlreichen Ländern im Einsatz.7
Funktionsprinzip: Selbstauskunft statt Diagnosenachweis
Ein zentrales Merkmal des Schemas ist, dass keine Diagnose nachgewiesen werden muss. Es gibt keine offizielle Liste anerkannter Erkrankungen und keine Prüfung. Das Tragen erfolgt auf reiner Selbstauskunft, bewusst auch deshalb, weil viele Erkrankungen im Alltag schwer nachweisbar sind.2 Damit richtet sich das Schema grundsätzlich auch an Menschen mit Clusterkopfschmerz, auch wenn die Erkrankung von der Trägerorganisation bislang nicht namentlich gelistet wird (mehr dazu weiter unten).
- Keine Diagnose nachzuweisen, keine offizielle Liste anerkannter Erkrankungen
- Tragen erfolgt auf reiner Selbstauskunft
- Steht damit grundsätzlich auch Menschen mit Clusterkopfschmerz offen
- Verleiht keinen rechtlichen Anspruch auf Vorrang oder Sonderbehandlung
Erfahrungsbericht: Anderthalb Stunden erspart am Flughafen Dubai
Von Tamara Brandstätter, Mitglied des Vereins:
Ich trage das Sunflower Lanyard seit rund zwei Jahren auf Reisen. In dieser Zeit waren direkte, konkrete Hilfsangebote eher die Ausnahme als die Regel. Meist wird das Lanyard schlicht zur Kenntnis genommen, ohne dass sich am Ablauf etwas ändert. Eine deutliche Ausnahme war der Flughafen Dubai: Dort gibt es eigene Warteschlangen, etwa bei der Passkontrolle, die sowohl mit dem Rollstuhl-Symbol als auch mit dem Sonnenblumen-Symbol gekennzeichnet sind. Ich wurde dort sogar aktiv angesprochen, während ich das Lanyard trug, und es wurde eigens ein Schalter für mich und meine Familie geöffnet. Nach einem langen Flug war das eine enorme Erleichterung – und hat ein Anstehen von etwa anderthalb Stunden erspart.
Diese Erfahrung deckt sich mit der offiziellen Ausrichtung des Flughafens Dubai: Seit Dezember 2022 ist er Teil des Sunflower-Netzwerks und bietet Trägerinnen und Trägern des Lanyards eigens ausgewiesene, beschleunigte Abläufe bei Check-in, Passkontrolle, Security und Boarding – ergänzt um eine eigene Assisted Travel Lounge in Terminal 2.5,6 Ein derart konkretes, strukturiertes Angebot ist bislang aber die Ausnahme: Am Flughafen Wien beispielsweise beschränkt sich das Angebot auf die Ausgabe von Lanyards und Pins, ohne eigene Schnellspuren.4
Verfügbarkeit in Österreich: Flughafen Wien und Austrian Airlines
Seit Oktober 2023 sind Flughafen Wien und Austrian Airlines Teil des internationalen Sunflower-Netzwerks.4 Im Vergleich zeigt sich, wie unterschiedlich das Angebot je nach Standort ausfällt:
| Standort | Teil des Netzwerks seit | Konkretes Angebot |
|---|---|---|
| Flughafen Wien | Oktober 2023 | Kostenlose Lanyards und Pins an den Infoschaltern in Terminal 1 und Terminal 34 |
| Austrian Airlines | Oktober 2023 | Armbänder und Pins an Bord aller Flüge; Verknüpfung mit der Aira-App (ursprünglich für sehbehinderte Reisende entwickelt)4 |
| Flughafen Dubai | Dezember 2022 | Eigene beschleunigte Abläufe bei Check-in, Passkontrolle, Security und Boarding; eigene Assisted Travel Lounge in Terminal 25,6 |
Vergleichbare Programme bei Bahnbetreibern, im Handel oder bei Behörden in Österreich, Deutschland oder der Schweiz waren zum Zeitpunkt der Recherche nicht auffindbar.
Bezugsquellen außerhalb von Partnerstellen
Kostenlos ist das Lanyard nur über teilnehmende Partnerorganisationen erhältlich. Der offizielle Online-Shop der Trägerorganisation bietet Lanyard- und ID-Karten-Sets kostenpflichtig an (umgerechnet etwa 7 bis 17 US-Dollar).2 Dieses Angebot richtet sich vor allem an Organisationen, die die Produkte anschließend selbst kostenlos weitergeben.
Was das Lanyard nicht ist
Das Tragen begründet grundsätzlich keinen rechtlichen Anspruch: weder auf Vorrang noch auf eine Fast-Track-Abfertigung oder sonstige Sonderbehandlung. Es handelt sich um ein freiwilliges Verständigungszeichen, keine amtliche Anerkennung einer Behinderung. Einzelne Standorte wie Dubai oder London Luton bieten beschleunigte Abläufe freiwillig als Serviceleistung an. Das bleibt jedoch eine Entscheidung des jeweiligen Standorts, kein durchgängiger Standard.7 Eine bekannte gesetzliche Ausnahme bildet Brasilien, wo die Sonnenblume 2023 per Gesetz zum offiziellen nationalen Symbol für unsichtbare Behinderungen erklärt wurde – auch dort ausdrücklich ohne Vorrangsanspruch.7
Wichtig: Das Sunflower Lanyard begründet an keinem Standort einen rechtlichen Anspruch auf Vorrang, Fast-Track-Abfertigung oder sonstige Sonderbehandlung. Wo beschleunigte Abläufe angeboten werden, handelt es sich um eine freiwillige Serviceleistung des jeweiligen Standorts – nicht um ein durchsetzbares Recht.
Wirkung und Kritik: was die Forschung zeigt
Kontrollierte Studien zur Wirksamkeit des Lanyards selbst liegen kaum vor. Belegt ist jedoch das Ausmaß des Problems, das es adressieren soll: Eine 2024 im Fachjournal Neurology veröffentlichte Untersuchung mit rund 59.000 Teilnehmenden fand, dass 31,7 % der Menschen mit Migräne „oft bis sehr oft" Stigmatisierung erleben; bei hoher Attackenfrequenz steigt dieser Anteil auf 47,5 %.9
Wichtig: Diese Daten stammen aus einer US-amerikanischen Stichprobe zu Migräne und lassen sich nicht direkt auf Clusterkopfschmerz übertragen. Sie geben lediglich einen Hinweis auf die Größenordnung des Stigmas bei Kopfschmerzerkrankungen allgemein – keine belastbare Zahl für Clusterkopfschmerz selbst.
Kritisch eingeordnet wird das Schema unter anderem in einer 2023 erschienenen Fachpublikation (Liasidou & Liasidou, Power and Education), die argumentiert, dass solche Kennzeichnungssysteme im Hochschulkontext auch paternalistische Deutungen begünstigen können, statt strukturelle Barrieren abzubauen.10 2021 sah sich die Trägerorganisation zudem veranlasst, öffentlich klarzustellen, dass das Lanyard nicht als Nachweis für eine Befreiung von der Maskenpflicht gedacht ist, nachdem es dafür zweckentfremdet worden war.7
Clusterkopfschmerz und das Sunflower-Schema: aktueller Stand
Die Trägerorganisation führt Migräne mit einer eigenen Themenseite als Beispiel für eine unsichtbare Behinderung.3 Clusterkopfschmerz wird dort bislang an keiner Stelle namentlich genannt: weder ausgeschlossen noch eigens aufgeführt. Da das Schema auf Selbstauskunft beruht, steht es grundsätzlich auch Menschen mit Clusterkopfschmerz offen, wie die zweijährige Reiseerfahrung aus der eigenen Vereinsarbeit zeigt.
Wenn Sie sich generell mit dem Thema Reisen und Clusterkopfschmerz beschäftigen – etwa mit Sauerstoff an Bord, Kabinendruck oder einem Notfallplan für den Auslandsaufenthalt –, finden Sie mehr dazu in den Beiträgen Fliegen mit Cluster-Kopfschmerz: Sauerstoff an Bord, Medikamente und Kabinendruck und Reisen mit Cluster-Kopfschmerz: Sauerstoff im Ausland, Flug und Notfallplan.
Quellen
- Hidden Disabilities Sunflower: Our History. https://hdsunflower.com/uk/our-history (Zugriff: 2026-07-10).
- Hidden Disabilities Sunflower: For You. https://hdsunflower.com/us/for-you.html (Zugriff: 2026-07-10).
- Hidden Disabilities Sunflower: Migraine is an invisible condition. https://hdsunflower.com/us/insights/post/migraine (Zugriff: 2026-07-10).
- Hidden Disabilities Sunflower / Flughafen Wien: Vienna Airport and Austrian Airlines join Hidden Disabilities Sunflower. https://hdsunflower.com/au/insights/post/vienna-airport-austrian-airlines (Zugriff: 2026-07-10).
- Hidden Disabilities Sunflower / Dubai Airports: Dubai Airports joins the global Hidden Disabilities Sunflower network. https://hdsunflower.com/au/insights/post/dubai-airports (Zugriff: 2026-07-10).
- Dubai Airports: Hidden Disabilities. https://dubaiairports.ae/hidden-disabilities (Zugriff: 2026-07-10).
- Wikipedia: Hidden Disabilities Sunflower. https://en.wikipedia.org/wiki/Hidden_Disabilities_Sunflower (Zugriff: 2026-07-10).
- Behindertenrat Österreich: Sonnenblume – Symbol für unsichtbare Behinderungen. https://www.behindertenrat.at/aktuelles/news/sonnenblume-symbol-fuer-unsichtbare-behinderungen/ (Zugriff: 2026-07-10).
- Ashina, S. et al.: Stigma in migraine – Neurology (2024). https://www.neurology.org/doi/10.1212/WNL.0000000000208074 (Zugriff: 2026-07-10).
- Liasidou, A. & Liasidou, S.: The Sunflower Scheme and misrecognition – Power and Education (2023). https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/17577438231225140 (Zugriff: 2026-07-10).
Tamara Brandstätter ist Mitglied des Vereins Clusterkopfschmerzen Österreich, lebt selbst mit Clusterkopfschmerz und ist in der österreichischen Kopfschmerz-Selbsthilfe aktiv. Sie ist ebenso im Namen der Migräne für Kopfweh Österreich aktiv.
Die Beiträge des Redaktionsteams entstehen mit KI-Unterstützung und werden vor der Veröffentlichung redaktionell geprüft und verantwortet.
Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Cluster Kopfschmerzen Verein Österreich erstellt, einer Patientenorganisation von Betroffenen für Betroffene. Veröffentlicht am 17. Juli 2026. Quellenangaben finden Sie am Ende des Beitrags.
Medizinischer Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt. Anlaufstellen finden Sie in unserem Ärzteregister. In akuten Krisen: Notruf 144, Telefonseelsorge 142.
Neu beim Thema? Clusterkopfschmerzen verstehen: der große Überblick – Symptome, Diagnose, Therapie und Anlaufstellen in Österreich.