
Dieser Text behandelt subjektive Erfahrungen mit suizidalen Impulsen, Selbstverletzung und extremen psychischen Ausnahmezuständen im Kontext von Cluster-Kopfschmerz (“Suicide Headache”). Wenn dich diese Themen belasten, überspringe diesen Beitrag bitte oder hole dir Hilfe.
Wenn der Schmerz die Führung übernimmt
Eine persönliche Einordnung des “Staring into the Abyss”-PhänomensCluster-Kopfschmerz ist berüchtigt für seine Intensität. Auf der klinischen Schmerzskala wird er oft als der maximal vorstellbare Schmerz eingestuft. Doch was passiert, wenn die Skala nicht mehr ausreicht? Wenn wir uns in Bereichen bewegen, die jenseits einer “10” liegen?
Meiner Wahrnehmung nach verändert sich ab diesem Punkt etwas Grundlegendes im Bewusstsein. Es ist der Moment, in dem der rationale Verstand zu kippen scheint und man gefühlt in einen Abgrund blickt. Ich nenne diesen Zustand das “Staring into the Abyss”. Es ist ein Bereich der Erfahrung, über den wir oft schweigen – vielleicht aus Scham, vielleicht weil die Worte fehlen. Ich möchte versuchen, Worte dafür zu finden.
1. Der Unterschied: “Call of the Void” vs. Cluster-Realität
Um zu beschreiben, was ich und andere Betroffene während einer solchen Extrem-Attacke erleben, hilft vielleicht zunächst ein Blick in die Psychologie – und warum das dort bekannte Modell hier meiner Ansicht nach nicht greift.
Es gibt das sogenannte “High Place Phenomenon” (HPP), oft poetisch als “Call of the Void” (Ruf der Leere) bezeichnet. Dabei steht ein Mensch an einem sicheren Geländer am Abgrund und spürt plötzlich den irrationalen Impuls zu springen. Die Wissenschaft erklärt dies oft als ein Missverständnis des Gehirns in einer eigentlich sicheren Situation: Der Körper sendet ein blitzschnelles Angstsignal (“Vorsicht, Rückzug!”), aber das langsamere Bewusstsein interpretiert dieses Signal falsch (“Warum zucke ich zurück? Ich muss wohl springen wollen”).
Mein persönliches Erleben während einer Cluster-Attacke fühlt sich in diesen seltenen extrem starken Schmerzspitzen ähnlich diesem Phänomen an.
Zusätzlich liegt meines Erachtens kein Missverständnis einer sicheren Situation vor. Wenn ein Cluster-Patient während einer Attacke den drängenden Impuls verspürt, den Kopf gegen die Wand zu schlagen oder sich massiv selbst zu verletzen, dann erlebe ich das als eine rationale Fluchtreaktion auf eine reale Foltersituation.
In diesem Moment sucht das Gehirn nicht den Tod als metaphysisches Konzept oder das “Nicht-Sein”. Es sucht verzweifelt das Ende des Schmerzes. Da der Schmerz jedoch unausweichlich im eigenen Kopf lokalisiert ist, identifiziert das Gehirn die Zerstörung des Schmerzortes (des Kopfes oder des Körpers) als validen, mechanischen “Ausschalter”. Es wirkt auf mich logisch, brutal und rein biologisch gesteuert.
2. Die wichtige Unterscheidung
In meinen Gesprächen und meiner eigenen Reflexion hat sich herauskristallisiert, dass es überlebenswichtig ist, zwei völlig unterschiedliche Zustände zu trennen. Oft werden diese von Außenstehenden – und fatalerweise auch manchmal in der Therapie – in einen Topf geworfen, was zu Missverständnissen führen kann.
Typ A: Die Akute Entlastungshandlung (“Der Notausgang”)
Wann: Während der absoluten Schmerzspitze.
Diesen Zustand erlebe ich nicht als emotionalen Gedanken wie “Ich bin traurig” oder “Das Leben hat keinen Sinn”. Es fühlt sich vielmehr an wie ein biologischer Automatismus. Man könnte es vergleichen mit einem Tier, das sich in einer Falle das Bein abbeißt. Nicht aus Hass auf das Bein, sondern weil der Instinkt diktiert: “Ich muss hier raus, koste es, was es wolle.”
Für mich handelt es sich hierbei um eine extreme Form der Entlastungshandlung. Der Impuls zielt darauf ab, den Primärschmerz durch einen noch stärkeren Reiz zu übertönen oder mechanisch zu stoppen. Das Gefährliche daran ist: Kognitive Therapieansätze (Gedankenstopp, “Denk an was Schönes”, “Bewerte die Situation neu”) greifen hier meiner Erfahrung nach kaum, da es sich nicht um einen kognitiven Prozess handelt, sondern um einen archaischen Überlebensinstinkt.
Typ B: Die Reaktive Depression (“Die Zermürbung”)
Wann: Nach der Attacke, am nächsten Morgen oder in den schmerzfreien Phasen.
Dieser Zustand ist gänzlich anders. Er ist geprägt von tiefer Hoffnungslosigkeit, absoluter Erschöpfung und der lähmenden Angst vor der nächsten Attacke (“Ich kann einfach nicht mehr”). Dies ist eine emotionale, verständliche Reaktion auf das wiederkehrende Trauma.
Anders als beim Typ A (dem Reflex) ist dieser Zustand psychotherapeutisch oft gut zugänglich. Hier kann man sprechen, verarbeiten, trauern und Strategien entwickeln. Hier ist der Verstand anwesend.
3. Konsequenz: “Failsafes” statt Willenskraft
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis für mich war: Wenn ich mich in der Akuten Entlastungshandlung (Typ A) befinde, kann ich mich nicht auf meine Willenskraft verlassen. Mein Wille ist dann auf Flucht programmiert. Deshalb bin ich dazu übergegangen, externe Sicherheitsmechanismen (“Failsafes”) zu planen, solange ich schmerzfrei und klar bin:
- Physische Barrieren: Ich habe gelernt, meine Umgebung sicher zu gestalten. Das kann bedeuten, Fenster abzuschließen, gefährliche Gegenstände aus dem direkten Zugriff zu entfernen oder Maßnahmen zu ergreifen, die eine impulsive Handlung physisch verlangsamen oder unmöglich machen.
- Medizinische Notbremse: In extremen Phasen kann eine Absprache mit Ärzten lebensrettend sein – etwa die Möglichkeit einer Sedierung (ein “Time-out” für das Bewusstsein), wenn der Schmerzpegel mit dem Wachsein nicht mehr vereinbar ist.
- Der “Sitter”: Eine eingeweihte Person, die während der Attacke anwesend ist. Ihre Aufgabe ist es meiner Ansicht nach nicht primär zu trösten (was in diesem Schmerzzustand oft gar nicht ankommt), sondern als Wache zu fungieren, die impulsive Handlungen blockiert und einfach “da” ist.
Ein persönliches Wort zum Schluss:
Mein Ziel mit diesem Text ist es, dich vorzubereiten. Ich möchte nicht, dass du unvorbereitet auf diese Differenzierung stößt und von ihrer Wucht und ihrer scheinbaren Logik überrascht wirst.
Bei mir selbst hat es über 18 Jahre gedauert, bis ich diese Differenzierung treffen konnte – bis ich auf einen Schmerz gestoßen bin der so überwältigend ist, dass man sich selbst schwer vertrauen kann. Noch länger hat es gedauert bis ich verstanden habe, dass der Impuls im Schmerz kein Todeswunsch ist, sondern ein “Notausgang-Reflex”. Diese Jahre der Unsicherheit und das Gefühl, mit dieser extremen Erfahrung allein am Abgrund zu stehen, waren prägend.
Genau diese Erfahrung war der entscheidende Funke für die Gründung unseres Vereins. Ich wollte einen Raum schaffen, in dem wir auch über diese dunklen Momente sprechen können und dabei verstanden werden. Ich wünsche mir, dass du vorbereitet bist, sollte der Abgrund zurückblicken. Du bist nicht verrückt und du bist nicht alleine.
– Stefan
